Mit Ulbricht wär’s besser gelaufen?

Dietmar Dath
Deutsche Demokratische Rechnung
Eine Liebeserzählung
Eulenspiegel-Verlag, Berlin, 2015, Hardcover mit Schutzumschlag (incl. pro-strickerscher Fadenbindung), 239 Seiten, ISBN 978 3 359 02471 2

VORBEMERKUNG
Das Buch war mir als Science-Fiction »verkauft« worden. Es ist aber keine Science-Fiction. Dem »Verkäufer« ist das nicht übel zu nehmen. Dazu später noch ein Wort.

WORUM GEHT ES?
Veras Vater ist gestorben. Sie reist von Frankfurt, wo sie lebt, nach Berlin, um ihren Vater zu beerdigen und sich um das Erbe zu kümmern – eine Wohnung, die mit Büchern und schriftlichen Hinterlassenschaften ihres Vaters zugebaut ist.
Veras Vater war zu Ulbrichts Zeiten in der DDR eine Art Wirtschaftsmathematiker – auf jeden Fall Mathematiker! Und Vera hat seine mathematische Ader geerbt! –, der immer davon überzeugt war, dass Ulbrichts Weg die DDR dauerhaft zum Erfolg geführt hätte – und nicht in die letztlich auch herabwürdigende Wiedervereinigung mit dem Klassenfeind. Gemeinsam mit Ulbricht verlor auch Veras Vater seine Reputation in der DDR – und litt sein Leben lang darunter.
In Berlin knüpft Vera alte Kontakte zur Linken, der sie fast schon aus biologischen Gründen zugetan ist, und lernt unter anderem Frigyes kennen, in den sie sich verliebt, der aber ein wenig undurchsichtig ist und bleibt und letztlich eine andere Motivation zeigt, sich mit Vera abzugeben, als sie dies erwartet hätte oder akzeptieren möchte.

WAS GEFIEL?
Richtig gefallen hat mir eigentlich nichts.
Ich fand die »mathematischen Passagen« spannend, die Passagen, in denen Vera über Theorien ihres Vaters referierte oder eigene Theorien darlegte. Das Thema war oft eher unmathematisch; die Herangehensweise zur Problemlösung oder Erklärung ganz im Gegenteil. Ich selbst bin kein Mathematiker, habe aber vor vielen, vielen Jahren ein Mathe-Abi (mit 2,0) gemacht und finde die extrem logische Auseinandersetzung mit der Welt unter rein mathematischen Gesichtspunkten immer schon sehr interessant.
Daths Schreibstil war gefällig und gut lesbar, aber er hat mich nicht richtig »gepackt«; vielmehr hatte ich oft den Eindruck, als würde die »Kälte«, die uns Wessies an das DDR-Regime erinnert, das wir zu kennen glaubten, auch in den Worten und Formulierungen Daths hindurchschimmern, sogar die gesamte Stimmung der Handlung beeinflussen. Er konnte mich nicht ansatzweise für die linke Gedankenwelt Veras und ihrer Freunde begeistern, obwohl ich selbst einmal ein mehr als passendes Parteibuch hatte. Er konnte mich nicht für Berlin begeistern – sowieso nicht, weil ich das, was ich von Berlin kenne, nie mochte, nicht mag und nie mögen werde. Und auch in der Liebesgeschichte selbst bleibt Dath im Grunde kühl, distanziert, manchmal scheinbar kopfschüttelnd, als wolle er sagen: »Wie kann man nur so dämlich sein?« (Bezug nehmend auf Veras nach und nach abschwellende Begeisterung der möglichen Beziehung zu Frigyes).

WAS GEFIEL NICHT?
Zum Vorteil von Dath ist zu vermerken, dass eigentlich auch nichts nicht so richtig nicht gefallen hat.

ZITAT GEFÄLLIG?
Nö, lass mal.

ZU EMPFEHLEN?
Da bin ich unentschieden. Es mag sein, dass es Menschen gibt, denen das Buch empfohlen werden kann. Möglicherweise: Dath-Fans, Dath-Sammler, Ex-DDRler mit noch schwelender Überzeugung, Ex-Ulbricht-Anhänger usw. usf.
Klar ist jedenfalls, dass ich die Lektüre nicht als Zeitverschwendung empfand. Ich bin nicht sicher, was sie mir gebracht hat – außer der positiven Reaktion auf die Mathematik im Buch –, aber sicher habe ich die Zeit der Lektüre nicht verschwendet.

NOCH WAS?
Ja. Ich kann mir vorstellen, dass der eingangs erwähnte »Verkäufer« davon ausgeht, dass es sich bei dem Buch auch um ein SF-Buch handeln könnte, weil der Grundgedanke durchschimmert, mit Ulbricht wäre die DDR letztlich besser dran gewesen. Ergo eine Mischung aus Utopie und Parallelweltgeschichte. Aber dieser Teil des Plots ist nicht ausschlaggebend für die Handlung, sondern nur Teil des ausgestalteten Hintergrunds. Tatsächlich halte ich das Buch für genau das, was es laut Untertitel sein wollte: eine Liebeserzählung.