Wachsende Komplexität

Phil Rickman
DIE NACHT DER JÄGERIN
(The Prayer of the Night Shepherd, 2004)
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, April 2011, a. d. Engl.: Karolina Fell, Taschenbuch, 603 Seiten, ISBN 978 3 499 25335 5

VORBEMERKUNG
Manchmal denke ich, dass die Watkins-Romane von Mal zu Mal komplexer werden. Und gerne ziele ich ja immer darauf ab, wie sehr die Bücher an Filme erinnern. Aus der »Nacht der Jägerin« hätte man locker einen Dreiteiler drehen können …

WORUM GEHT ES?
Die Handlung spielt diesmal in einem recht schneereichen Winter. Es geht um Arthur Conan Doyle und um die Frage, woher er die Inspiration zu seinem »Hund von Baskerville« wirklich hat. Es geht um konkurrierende Fangruppen Conan Doyles, um ein Hotel – wie es in jeden guten englischen Mysterythriller gehört – und seinen Besitzer, einen gescheiterten Fernsehproduzenten, es geht um Intrigen und natürlich um die Dinge, die Merrily Watkins zur »Fachfrau für spirituelle Grenzfragen« gemacht haben und machen. Und dann gibt es da noch eine Geschichte um drei Jungs, einen Unfall und die vielen Jahre, die seitdem vergangen sind …

Die Handlung ist, wie erwähnt, ausgesprochen komplex. Die Geschichte besteht eigentlich nicht aus zwei, drei, vielleicht vier Handlungsfäden, die sich irgendwann und irgendwo miteinander verbinden, sondern aus einem Geflecht – und wenn man als Leser nicht aufmerksam ist: aus einem Gewirr – von Handlungsfäden und -elementen, das so dicht ist, dass man am Ende ganz sicher eines weiß: Da war nicht viel Platz für Handlungslücken, für Logikfehler, für schriftstellerische Missgeschicke.

WAS GEFIEL?
Ich muss mich leider wiederholen: Schreibstil des Autors, Plot, die »Filmartigkeit« des Romans, die Weiterentwicklung der Figuren – die es auch immer nötiger macht, je weiter man in das Watkins-Universum vordringt, die vorhergehenden Romane zu kennen (was ausnahmsweise kein Nachteil ist, jedenfalls nicht in meinen Augen) –, und vor allem auch die Tatsache, dass Merrily Watkins nicht als die allmächtige Superfrau beschrieben wird, sondern wie gehabt als weiblicher, zerbrechlicher, zweifelnder Charakter mit ganz eigenen Unsicherheiten im Denken und Fühlen (angefangen vom Umgang mit ihrer jugendlichen Tochter bis hin zu ihrer Beziehung zu Lol Robinson).

WAS GEFIEL NICHT?
Nichts.

ZITAT GEFÄLLIG?
Ja, von Seite 529 f. – einfach so:

Zwanzig Jahre jünger als Gomer, aber viel zaghafter, ging Danny als Erster die Zufahrt hoch. Die Taschenlampe hatten sie wieder ausgeschaltet. Der Gedanke an Dexter Harris gefiel ihm nicht.
Vor dem Pfarrhaus, wo die Büsche rechts und links enorme Schneehauben trugen, blieb er stehen. Es war hell genug, um tiefe Fußspuren auf dem Weg zu erkennen, genauso wie Spuren, die aussahen, als sei hier jemand durch den Schnee geschleift worden. Verdammt.
Danny knipste die Lampe an. Er sah, dass die Haustür einen Spalt offen stand.
«Da war jemand drin», flüsterte er.
«Na dann steh hier nick dumm rum!» Gomer schnappte Danny die Taschenlampe weg, pflanzte den Fuß an die Haustür und stieß sie auf «Lol! Lol, mein Junge! Bist du da?»
«Verflucht nochmal», murmelte Danny, und Gomer betrat polternd das Pfarrhaus. «Gomer?», rief er hinter ihm her.
«Verdammich», kam Gomers Stimme von drinnen. «O verdammich.»
«Was ist denn?»
«Das siehste dir besser selber an.»
Danny betrat die Eingangshalle. Er konnte rechts eine Tür ausmachen, dann eine Treppe und vor sich einen Flur. Gomer stand in dem Durchgang auf der rechten Seite. Über Gomers Schulter hinweg sah Danny im Licht der Taschenlampe eine große Küche mit einem alten Herd und einem langen, umgekippten Tisch, und das eine Tischbein war rot verschmiert, und dieses Rot sah nicht nach Ketchup aus.
«Das is Blut, Danny.»
«Seien Sie vorsichtig, Gomer.»
Die Tür am gegenüberliegenden Ende der Küche war nur angelehnt.
«Lol!», rief Gomer. «Bist du da, Junge?»
«Das sieht nicht gut aus, Gomer. Wir dürfen nichts berühren.»
«Ach, Quatsch.» Gomer durchquerte die Küche und zog mit dem Fuß die Tür auf.
Hinter der Tür lag ein kurzer Flur mit einem schweren, niedrigen Deckenbalken, einem kleinen Fenster auf der einen Seite und einer engen Treppe auf der anderen.
Und auf dem Boden lag ein Mensch.

ZU EMPFEHLEN?
Ja.