Tolkien, pumped up

Alexey Pehov
SCHATTENWANDERER
Die Chroniken von Siala 1
»Kradušcijsja v teni. Chroniki Sialy« (2002)
Übersetzung a. d. Russischen: Christiane Pöhlmann
Piper, 2010
Klappenbroschur, 559 Seiten

VORBEMERKUNG
Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte die westliche Welt in ständiger, hysterischer Angst vor dem Russen, der mit seinen Truppen unsere heile, kapitalistische Welt überrollen wollte. Es wurde aufgerüstet und aufmunitioniert bis zum Gehtnichtmehr – und dann fiel die Mauer. Alles schien gut. Aber es sollte viel schlimmer kommen.

Seit Lukianenko und seinen leidlichen »Wächter«-Romanen, die ein Hysteriker anderer Art auch gleich verfilmen musste, braucht man nur noch einen russischen Namen, eine passende Vita und irgendwas Zusammengeschriebenes, und schon hat man einen »Millionenbestseller aus Russland!« Und »jetzt endlich auf Deutsch – die erfolgreichste russische Fantasy-Serie seit ›Wächter der Nacht‹!«
Verdammte Scheiße!

WORUM GEHT ES?
Eine Welt, eine Stadt namens Awendum, ein nicht wirklich bekannter Gegner, der Unaussprechliche, ein weiterer unbekannter Gegner, der sogenannte Herr, der Held, Garrett, ein Schattenwanderer – sagt irgendeine Legende –, mithin nichts anderes als ein Dieb, der sich geschickt durch die Welt zu bewegen weiß. Nicht geschickt genug: Der Unaussprechliche gewinnt an Macht, nachdem das Horn, das ihn lange Zeit bannte, an Macht zu verlieren scheint, und Garrett soll der Einzige sein, der in der Lage ist, das Horn zu beschaffen, damit es aufmunitioniert werden kann. Das Ganze geht natürlich so einfach nicht – dann hätten wir hier eine Kurzgeschichte –, es gibt ein wenig Hin und Her, und das Buch – immerhin ja der erste Teil einer zu erwartenden Trilogie – endet damit, dass der Trupp der Tapferen eine Stadt erreicht, irgendwo auf dem Weg zum eigentlichen Ziel.

WIE IST DER STIL?
Der Schreibstil ist so weit in Ordnung, d. h., eigentlich müsste man sagen, dass der Stil der Übersetzerin in Ordnung ist. Es ist ordentlich formuliert, da kann man nicht wirklich meckern. Stellenweise wirkt die Sprache ein wenig zu modern, ein wenig zu flapsig, um wirklich zu einem Fantasysujet zu passen, aber da gibt es Schlimmeres …

WAS GEFIEL NICHT?
Nämlich die Handlung. Trotz einem einigermaßen lesbaren Stil sind diese 559 Seiten endlos aufgeblähter Tolkien-Scheiß – das deshalb, weil wirklich jedes tolkiensche Mistvolk seinen Auftritt bekommt; wie fantasielos muss man eigentlich sein, um ein solches Buch veröffentlichen zu dürfen und dafür auch noch Geld zu bekommen? –, bei dem jede noch so unwichtige Handlungskleinigkeit über Seiten ausgewalzt und plattgeschrieben wird, dass einem die mentale Ödnis aus den zwangsläufig im Weg befindlichen Ohren herausraucht. Ich kann kein Beispiel bringen, nicht wirklich, dazu müsste ich das ganze Buch präsentieren, aber es gibt nur zwei Ausnahmen, die einigermaßen Interesse wecken können, und das sind die völlig überraschend, weil unangekündigt eingeklinkten Rückblenden, die die Hauptfigur erlebt: zum einen die Ereignisse, die zur Entstehung des Verbotenen Viertels führten, zum anderen die Ereignisse um die Schlacht auf der Harganer Heide. Der Rest gehört eigentlich ungelesen in die Tonne. Für so einen Mist hat kein Mensch wirklich Zeit übrig, ihn zu lesen; geschweige denn, ihn zu erleben.
Gehe ich davon aus, dass die folgenden zwei Teile genauso ausfallen – was ich darf, der zweite Teil wird vermutlich noch schlimmer –, dann habe ich errechnet, dass die ganze Story mit allem wichtigen Drumherum und Drinnendrin in ein 250-Seiten-Taschenbuch gepasst hätte.

WAS GEFIEL?
Dass das Buch keine 600, 700 oder mehr Seiten hatte, und dass ich vermutlich nicht gezwungen sein werde, die restlichen zwei Zumutungen der Trilogie zu lesen.

EIN PAAR ZITATE GEFÄLLIG?
Nein. Ganz gewiss nicht.

ZU EMPFEHLEN?
Ja. Für Trilogiemasochisten und solche Unverbesserlichen, die es nicht aufgeben, zu versuchen, Scheiße doch zum Brennen zu bringen.

NOCH WAS?
Ja. Zweierlei.
Zum einen: Ich frage mich, was ich mit so einem Klappenbroschurschinken soll, auf dessen Klappen neben ein wenig Klappentext nur eine bläulich eingefärbte Wiederholung des sowieso bläulichen Covers wiederholt wird, vorne wie hinten. Diese langweilende Schwarte kostet im Handel EUR 16,95 – die Weglassung der völlig überflüssigen Klappen hätte das Machwerk vielleicht wenigstens um einen Euro günstiger gemacht.
Zum anderen: Dieses Buch ist so dermaßen über alle Maßen ärgerlich, weil pure Zeitverschwendung, dass ich einen Augenblick ernsthaft darüber nachdachte, niemals wieder irgendeinen Schinken in die Hand zu nehmen, der in die Fantasy-Ecke gehört – und vor allem keinen, in dem irgendwelche Tolkien-Viecher eine Rolle spielen würden. Aber dann kam zum Glück Uschi Zietsch …

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Diese Rezension ist auch erschienen in MAGIRA – JAHRBUCH ZUR FANTASY 2011, hrsg. von Hermann Ritter und Michael Scheuch, und zum Preis von EUR 14,90 zu bestellen auf www.magira-jahrbuch.de.