Japan, Folgen: Allein

Am Ende werden die Japaner viele Menschenleben zu beklagen haben, die, die schon tot sind, die, die noch sterben werden, an den Folgen radioaktiver Strahlung. Diesmal gibt es niemanden, den man wirklich beschuldigen kann, keine Amerikaner, die Atombomben warfen; diesmal waren es die Japaner selbst. Oder die Natur. Oder beide. Oder wer auch immer. Am Ende bleiben die Japaner mit ihren Problemen und den Folgen daraus alleine, ebenso, wie sie die ganze Zeit mit ihrem Leid alleine waren, sind und bleiben werden. Denn niemand fühlt wirklich mit ihnen.
Politiker reiben sich nur ihre Argumentationslatten an diesem Leid, um sich vor ihrem Volk und ihresgleichen zu profilieren, für die nächste Wahl – 2011 haben wir ja genug Gelegenheiten – zu rüsten und zu brüsten. Journalisten reiben sich ihre Quotenständer und überlegen sich dabei neue, unsinnige Wortneuschöpfungen, die sie als temporär relevantes Alleinstellungsmerkmal gegenüber ihren quotenständerreibenden Kollegen und Konkurrenten verwenden können, um letztlich dauerhaft die deutsche Sprache damit zu verhunzen, zu versauen, zu bespritzen, diese Ferkelbande.
Die Hilfstrupps, die nach Japan gejettet sind, die fühlen auch nicht mit den Japanern. Die erzählen den quotenständerreibenden Journalisten von den Schwierigkeiten, in die Problemzonen zu gelangen und schieben dabei so ganz nebenher die Schuld auf Politiker, Parlamente, auf Bürokraten und Papierkram, als ob es zur menschlichen Courage gehört, zu warten, bis man einen politischen Segen von irgendeinem Flachwichser in irgendeinem Parlament oder Büro hat, zu helfen, einfach nur zu helfen. Und darüber hinaus machen die Angehörigen solcher Hilfsvölker – welchem auch immer – eh nur ihren Job, fast wie eine reflexhafte Handlung, fast wie Jacksons Griff an den Sack.
Am Ende bleiben die Japaner allein. Eigentlich ist es verständlich, dass die Betreiber von durchgeknallten Atomreaktoren nur wenige oder falsche Informationen herausgeben, beschwichtigen, kleinreden, Probleme bestreiten. Anderenfalls führte das am Ende noch dazu, dass irgendwelche Wildfremden sich wie in Afghanistan in innerjapanische Angelegenheiten einmischen, klug herumreden, Vorschriften aufstellen, durch die UN irgendwelche Forderungen durchdrücken lassen – schön flankiert von internationalen Sanktionen –, um dann einfach irgendwann abzuhauen und die Japaner dann doch eben wieder mit ihren Problemen allein zu lassen. In einem Jahr wird man sich am Jahrestag – meinem Geburtstag wiederum – an die Katastrophe erinnern, in fünf Jahren wird man fragen, wie es denn heute dort aussieht, in fünfundzwanzig Jahren wird man das Fukushima-Jubiläum feiern, um die Erinnerung dann endgültig abzuhaken. Anlässlich der aktuellen Katastrophe in Japan hat man Tschernobyl wieder ausgebuddelt; in einigen wenigen Reportagen. Für Weihnachten 2004 in Indonesien hat es nicht gereicht; aber da wurden die Menschen ja nicht verstrahlt, die sind ja nur ersoffen.