Mit dem Bowie-Messer ins Hinterland

Karla Schmidt (Hrsg.)
HINTERLAND
Erzählungen, inspiriert von der Musik David Bowies
Wurdack Verlag, Nittendorf, 2010, Paperback mit Klappbroschur, 383 Seiten, ISBN 978 3 938065 69 3

VORBEMERKUNG
Ich hatte es nie sonderlich mit David Bowie. Seine Hochphase in den 70ern war meine Jazzrock-, Rockjazz- und am Ende Disco-Phase; allenfalls mit ein wenig Hardrock in Gestalt von »Deep Purple« war ich bereit, mich auseinanderzusetzen; Chick Corea, Weather Report, Al di Meola, die waren mehr mein Ding. Anfang der 80er war es dann eher NDW, noch später die ersten Ausflüge in Richtung Black Music und am häufigsten noch elektronische Musik. Natürlich kenne ich die Ohrwürmer, die Bowie im Laufe der Zeit immer wieder produzierte, und die für mich die unangenehme Angewohnheit hatten, bis auf die Knochen abgenudelt zu werden, bis ich sie – selbst heute noch – nicht mehr hören konnte. Insofern ist dieses Buch für mich nicht das, was es für die Autoren gewesen sein dürfte, was es für Bowie-Fans unter den Lesern darstellen sollte. Für mich ist es einfach nur eine Kurzgeschichtensammlung.

WORUM GEHT ES?
Ein Kurzgeschichtenprojekt, kann man sagen. Autoren ließen sich von Songs – teilweise auch von halben Platten – des David Bowie (und nicht nur von ihm) inspirieren und schrieben SF-Kurzgeschichten dazu. Karla Schmidt hat die Sammlung herausgegeben (und in irgendeinem Forum las ich eine Bemerkung von ihr, die darauf schließen lässt, dass sie immer noch überrascht ist, sich mit fantastischen Themen zu beschäftigen …).

WIE IST DER STIL?
Im Großen und Ganzen hat mir das Buch als Gesamtheit gefallen, obwohl es natürlich Differenzierungen gibt (auf die ich im Folgenden eingehe). In der Gesamtheit habe ich jedoch auch den Eindruck gehabt, dass der Band gegenüber der »Audienz« beispielsweise deutlich schwächer ausgefallen ist. Was möglicherweise an der Entstehung liegt. Oder auch nicht.
Der Stil der Geschichten jedenfalls ist insgesamt gut bis sehr gut. Ich werde im folgenden stilistisch einiges zu bemeckern haben, das Niveau jedoch ist immer noch hoch, auch bei den schlechter angekommenen Geschichten.

WAS GEFIEL NICHT?
Die Einleitung, das heißt eigentlich: die Positionierung der Einleitung am Anfang des Buches. Ich hätte sie am Ende sinnvoller gefunden. Sie ist durchaus hilfreich, in vielerlei Beziehung, nicht zuletzt für das Verständnis einiger Geschichten, und sie ist auch interessant, weil man durchaus einiges über die Schriftsteller erfährt. Aber leider erfährt man teilweise auch zu viel über einzelne Geschichten.

Was die Geschichten angeht, gab es einige, die bei mir nicht ankamen; man muss dazu erläutern, dass die Storys, die 6 oder 7 von 10 Punkten erhielten, auf relativ hohem Niveau scheiterten, und ich gebe zu, dass hier sehr viel »Geschmackssache« eine Rolle spielt:

  • Dietmar Dath, Solus Ipse, Leerer Drache (Fill Your Heart, 1971). – Ein wenig rätselhaft, die Geschichte. Es geht um Solipsismus – und ein Heilmittel dagegen. Stilistisch hat mir die Geschichte gefallen; der thematische Nachgeschmack trübt dann die Freude. 7 von 10 Punkten.
  • Jasper Nicolaisen, Kleines Mädchen aus China (China Girl, 1983). – Mit Inspirationen ist das natürlich so eine Sache, und ich bin mir ziemlich sicher, dass Bowie kaum jemals damit gerechnet hätte, dass irgendjemand auf die Idee käme, aus seinem »China Girl« eine Geschichte zu machen, die sich praktisch allein um die Auswirkungen des Verlusts des besten Stücks eines Mannes durch eben so ein China Girl dreht. Noch dazu ist das Werk völlig konfus geschrieben – was man sicherlich dem Zustand des Protagonisten zuschreiben könnte –, und so ist es letztlich keine wirkliche Freude. 4 von 10 Punkten.
  • Jakob Schmidt, Die betrübte Strahlenkanone (Running Gun Blues, 1970). – Eine Geschichte aus der Sicht einer Waffe. Kein Happy End (das ist okay). Schräge Figuren, schräge Sichtweisen, alles ziemlich schräg. Stilistisch herausragend, ansonsten schräg. Ich bin mir unschlüssig und vergebe gar keine Punkte.
  • bibo Loebnau, Tief-Blau (Sound And Vision, 1977). – Die Welt ist im Arsch; Indien ist die letzte Weltmacht, aber die zum Extremchristentum konvertierten USA geben nicht auf. Und stellen Otta, der Protagonistin, und der Welt eine Falle. Alles blau, oder? – Nette Geschichte, aber wenig herausragend, einen Tick zu vorhersehbar, ein Quäntchen zu wenig Power. Das Stückchen würde sich vermutlich verfilmt nicht schlecht machen – alles in blau, natürlich. 7 von 10 Punkten.
  • Wulf Dorn, Jenseits der Mauer (Leon Takes Us Outside, 1995). – Kleine, fiese, leider jedoch sehr vorhersehbare Story um eine Stadt unter einer Kuppel und die Frage, was wohl draußen vor sich geht. Der Protagonist hätte das sicher auch nicht wissen wollen, wenn er es gewusst hätte. – 6 von 10 Punkten.
  • Karsten Kruschel, Vierte und Erste Sinfonie oder: Müllerbrot (Glass, Bowie, Eno: Heroes Symphony, 1996; Low Symphony, 1992). – »Soilent Green« für moderne SF-Leser, könnte man sagen. Nett, aber wenig mehr als die Grundlage für etwas Größeres. Mich würde interessieren, was die Firma »Müllerbrot« zu diesem Plot zu sagen hat … – 6 von 10 Punkten.
  • Nadine Boos, Kamera(d), Action! (The Man Who Sold The World, 1970; Running Gun Blues, 1970). – Politiker, Soldaten, Journalisten – und die Probleme der Welt. Eine Kombination, die Zündstoff in sich birgt. Und nicht jedem gefällt … – Was mich am meisten an dieser Geschichte – die von anderen höchst positiv bewertet worden ist und wird – irritiert, ist, dass sie mir nach einem Tag in Details nicht mehr in Erinnerung ist. Das ist kein gutes Zeichen. – 6 von 10 Punkten.
  • Tobias Lagemann, P. O. S. (Putting Out Fire, 1982). – Die Story spielt mit der Simulation von Realitäten, hier, um einen Protagonisten zu prüfen, der zu den Menschen gehört, die Feuer mit Feuer … nein, mit Benzin (und sicherlich auch anderen Treibstoffen) löschen wollen. Stilistisch okay endet das Werk wenig schlüssig, man bleibt schlicht ratlos zurück, sieht man sich die Frage »Was wollte der Autor gleich noch?« noch einmal an. – 6 von 10 Punkten.
  • Valérie Kreifelts, Der Anfänger (Absolute Beginners, 1986). – Die erste Printveröffentlichung, gut. Die Story um zwei Killer aus unterschiedlichen »Schulen«, die sich ineinander verlieben, wirkt in dieser Sammlung völlig deplatziert. Nicht, dass ich ein Problem mit homoerotischen Geschichten hätte, zumal diese hier noch sehr verklausuliert daher kommt. Aber sie passt einfach nicht in den Gesamtkontext der Sammlung. – 7 von 10 Punkten.
  • Dirk C. Fleck, Schneider ist raus (V2-Schneider, 1977). – Hallo? Der Mann bekam doch letztens einen DSFP, oder täusche ich mich? Mit dieser Story hier hätte er möglicherweise nicht mal einen Thread im DSFP-intern-Forum des Komitees bekommen. Der Protagonist hört, sieht oder erlebt eine Aufzeichnung aus der Zeit des Dritten Reichs, während er in einem Zug der Gegenwart (oder Zukunft?) in Deutschland unterwegs ist. Beide miteinander verschränkten Handlungsstränge führen zu nichts. Und was Schneider damit zu tun hat, bleibt völlig unklar. – Sorry, aber das gibt maximal 2 von 10 Punkten.
  • Siegfried Langer, Berlin, Nachklang (Let’s dance, 1983). – Und auch die letzte Story ist nicht das Gelbe vom Ei. Der Gag mit den Tanzschuhen und der mehr oder weniger freiwilligen Tänzerversammlung zum Todestag von David Bowie ist ja nett. Aber jemandem, der – wie ich – kein Bowie-Fan ist und den Text von »Let’s dance« nicht in- und auswendig kennt, bringt das Stück nichts. Gar nichts. – 6 von 10 Punkten.

Was diesmal ebenfalls nicht gefiel, war das Korrektorat. Gut, »Hinterland« war nach »Die Audienz« mein zweiter Wurdack-Band, insofern habe ich noch gar keine repräsentative Erkenntnis über die Beständigkeit der Qualität. Aber es erschien mir sehr auffallend, wie hoch die Fehlerquote in »Hinterland« gegenüber der »Audienz« war. Das begann schon in der Einleitung, in der die Autoren über ihre Inspirationen referierten: Hier war ein erklecklicher Teil der Bowie-Titel schlicht falsch geschrieben. So heißt der Titel ›Heathen‹ aus 2002 vollständig ›Heathen (The Rays)‹. Der Tippoe ›This ist not America‹ ist verzeihlich, da wohl einer nicht an die Kandare genommenen Autokorrektur geschuldet. Sinn verfälschend jedoch ist es, den Titel ›No One Calls‹ (1999) als ›No-one Calls‹ zu schreiben. Auch ist ›Putting Out Fire‹ nicht der Titel, sondern nur der Untertitel des Songs ›Cat People‹, und letztlich macht es wohl auch einen kleinen, aber feinen Unterschied, ob der Titel – wie hier: – ›V2-Schneider‹ oder in Wirklichkeit ›V-2 Schneider‹ heißt. – Ja, zugegeben, das ist Haitelsches Erbsengerempel, aber ich bin ziemlich sicher, dass dies auch anderen Lesern auffallen wird, vor allem solchen, die zum Bowieschen Fanpublikum zu rechnen sind.

Und es geht ja auch noch weiter mit den Fehlern. Fast scheint es, als wären hier mehrere Leute Korrektur lesend am Werke gewesen, denn in einigen Geschichten ist die Häufung von Fehlern augenfällig. Neben echten Tippfehlern – die teilweise sogar amüsant sein könnten, wären sie für den Autor und sein Werk nicht hauptsächlich ärgerlich – sind es auch scheinbar wirkliche Rechtschreibschwächen, die sich vor allem in falscher Groß- und Kleinschreibung äußern. Einige Beispiele, die ich mir – mit den berühmten Böhmertschen Book Darts – markierte (und es sind in der Tat nur Beispiele; wer mehr möchte, bekommt – leider – auch mehr):

  • Metropolis, Hinterland, S. 96: »›Vor allem hier beim Cimitière Chinois und beim Cimitière Muncipial gibt es erhöhte Vorkommen an fragmentaler DNA.‹« Ein chinesischer Friedhof auf Tahiti ist nachvollziehbar, aber der Gemeindefriedhof ist immer noch ein »cimitière municipal«. Basiskenntnisse romanischer Sprachen plus Google wirken Wunder.
  • Metropolis, Hinterland, S. 101: »Wenigstens aber hatte er nicht wieder einen dieser ständigen Albträume gehabt, über Leichen und abgehakte Hände – (…)« Netter Gag, wenn es denn einer gewesen wäre. Abgehakt.
  • Streun, On Idle, S. 167: »›Sie sind ein Defaitist, Klinger‹, entgegnete der Professor (…)« Das Wort »Defaitist« ist im Deutschen so unbekannt, dass nicht mal der Duden den »Defätisten« vorschlägt.
  • Manski, Saxophonist, S. 186: Die neue deutsche Rechtschreibung ist nicht immer hübsch, und auch mir fällt das »Saxofon« immer noch als ungewohnt auf. Aber man sollte sich in Konsequenz üben und nicht auf einer Seite einmal ein »… zitterten im Wind, der mir ab und zu einen melancholischen Klangfetzen des Saxofons vom Rathaus herübertrug« zulassen, und dieses dann einige Zeilen später mit einem »Saxophonisten« – wie auch im Storytitel – ad absurdum führen. Heutzutage macht auch ein Saxofonist eher »fff« als »ph!«, wenn er sich echauffiert.
  • Schmidt, Erlösungsdeadline, S. 217: »(…) Unser Motto lautet: jeder, was er kann, jeder, wie er kann, und jeder, wie viel er kann. (…)« Das alte Problem mit »so« und »wie«, in bester gemeinschaftlicher Tradition mit »als« und »wie«. Die richtige Lösung steht in jedem Duden.
  • Schmidt, Erlösungsdeadline, S. 222: »Und sie hatte noch den Chip mit Alice’ Nummer und seine falsche Ray Ban.« Die Deutschen lieben ihr Apostroph mehr und mehr – das eigentlich gar nicht ihres ist. So sehr, dass sie bei englischen Namen schon die englische Schreibweise übernehmen, wo sie gar nicht genutzt wird: Auch im Englischen schreibt man »Alice’s number«, weil es das »e« am Ende des Namens erlaubt. Und da wir Deutsche sind und mit Apostrophs sparsam umzugehen haben … Edit 23.02.2011: Letzten Erkenntnissen zufolge handelt es sich hier lt. Duden doch um keinen Fehler; in Bezug auf den Namen »Alice« jedoch um eine beachtenswerte Problemstellung. Siehe hierzu auch hier.
  • Schmidt, Erlösungsdeadline, S. 223: »Es war kalt geworden, und der Regen wuchs sich zu einem der typischen Frühjahrsunwetter aus, die Straßen standen Knöcheltief unter Wasser.« Ein nicht wirklich schönes Beispiel für die häufig wiederkehrenden Fehler in der Groß- und Kleinschreibung in diesem Band.
  • Dorn, Jenseits der Mauer, S. 230: Noch einer von der Sorte? Gerne: »Durch das Hypernet war es ihm ein leichtes gewesen, die Endstoffentsorgungsanlage auszumachen (…)« Ein Leichtes eben, das Leichte; leicht, oder?
  • Boos, Kamera(d), Action!, S. 257: »Die Waffe hält er jetzt auf der Hüfe. Seine Weste klaft auf, eine breite, haarige Brust kommt darunter zum Vorschein.« Just dies Geschichte strotzt vor solchen Fehlern.
  • Boos, Kamera(d), Action!, S. 258: »Die meiste Zeit bin ich rumgesessen, ab und an haben wir ausgekundschaftet und die Bomber angewiesen, Mienen vergraben, sabotiert, (…)« Es heißt »ab und zu«, und ich hätte die Mienen der Vergrabenen doch gerne mal gesehen (das ist das Problem solcher Bücher, die ohne Illustrationen arbeiten).
  • Boos, Kamera(d), Action!, S. 262: »Es ist wohl nicht nur die Beklemmung des Untergrunds, die die beiden Männer in den letzten Stunden zugesetzt hat.« Mein Word-Wörterbuch zeigt das als doppeltes Wort an; mein Duden Korrektor als Grammatikfehler.
  • Hoffmann, Triptychon, S. 276: »Es war ein zynisches Kunstwerk, in das sich hineinzudenken mir schwerfiel.« Probleme mit der eigenen Position im wahren Leben? Der Protagonist spricht über sich selbst. Ich hätte zugegebenermaßen Probleme, sich in etwas hineinzudenken; mich aber in etwas hineinzudenken, das ist eine meiner einfachsten Aufgaben.
  • Hoffmann, Triptychon, S. 276: »Auf den Straßen liegen die leeren Hüllen der Sylvesterkracher, wie Larvenhäute geschlüpfter Insekten.« Stallone ist ein Sylvester, und viele seiner Filme sind wahre Kracher. Das Fest zum Jahresende jedoch, der letzte Tag im Jahr, der 31.12. – das ist Silvester, mit – laut Duden »ausschließlich« – »i« geschrieben. »Sylvester« ist ein Männername; oder allenfalls der eines Katers. – Aber ich vermute, dass wird Heutdeutschland ebenso wenig verstehen, wie das korrekte Datum für einen Jahrzehnte-, Jahrhundert- oder Jahrtausendwechsel.
  • Bachmann, Telefonzelle, S. 302: »Vielleicht würde er kommen, sobald es zu Regnen aufhört, (…)« Das ist so … peinlich, und ich frage mich, ob der Setzer des Wurdack-Verlages blind oder entscheidungsunfähig ist. Oder beides. Ernst W. ist ein sympathischer Mensch, und ich bin sicher, er würde seinem Setzer durchgehen lassen, solchen Unfug eigenmächtig zu korrigieren.
  • Bachmann, Telefonzelle, S. 311: »›Tut mir leid, dass ich das so sagen muss, aber das ist der totalste Schwachsinn, der mir je untergekommen ist. (…)‹« Totalster Schwachsinn? Meine totalste Zustimmung.
  • Bachmann, Telefonzelle, S. 318: »›Selbsterkenntnis ist meist der beste Weg zur Besserung.‹« Falsch. Selbsterkenntnis ist immer der erste Weg zur Besserung.
  • Lagemann, P. O. S., S. 324: »Die letzten, unerträglich langen drei Sekunden bis zur Vereinigung der beiden Reflexe zähle ich lautlos mit, dann schließe ich Augen.« Fragt sich nur, wessen Augen – das geht aus der Geschichte nicht hervor.
  • Und der beste Klopper in Kreifelts, Anfänger, S. 344: »Ich schoss hoch. ›Seit ihr irre!‹, herrschte ich sie an.« Hallooo? Da kann ich ja wohl nur »Ja!« antworten, oder?

WAS GEFIEL?

  • Dirk Röse, Purgatorium (All The Madmen, 1970). – Gleich ein Brocken zum Einstieg. Nach einem einschneidenden kosmischen Ereignis sind Erde, Mond und Sonne vom restlichen Universum, der »hellen Welt« abgeschnitten. Die Schwerkraft hat sich umgekehrt und das Leben auf der Erde ist nicht einfacher geworden, nicht zuletzt wegen der durch die Katastrophe veränderten politischen und gesellschaftlichen Umstände. – Die Story hat kein Happy End und das braucht sie auch nicht. Jemand äußerte sich in einem Forum sehr negativ über die Geschichte, sprach vom »Jüngsten Tag« als dem die Katastrophe auslösenden Ereignis. Ich finde, man könnte die Story auch ganz anders interpretieren, aber ich würde mir gar nicht mal diese Mühe machen wollen. Ich empfand diese Geschichte als atmosphärisch sehr dicht – auf nur fünfundzwanzig Seiten entwickelt Röse mit kurzen, knappen und völlig ausreichenden Formulierungen und Beschreibungen eine völlig fremdartige Welt mit winzigkleinen Verbindungen – alten Städtenamen, die man eigentlich nicht mehr benutzt, zum Beispiel – zu unserer Realität, eine Welt, die man sich bei aller Kürze der ausarbeitenden Beschreibungen wunderbar lebhaft vorstellen kann. Der Plot mag dem Betrachter belanglos erscheinen, und vielleicht ist er das auch. Aber die Bilder … die Bilder … – Von mir gibt es 9 von 10 Punkten.
  • Anna Janas, Life on Earth? (Life On Mars?, 1971). – Die Story hat mir erstklassig gefallen. Ich liebe »Wall-E« und auch, wenn der hier gar nicht auftritt, und der Plot an sich auch damit eigentlich gar nichts zu tun hat, von der Stimmung her passt das zusammen – und ich müsste zu viel über die Geschichte verraten, um zu erklären, warum. Die Idee ist toll, die Ausführung gelungen, alles in allem: knuffig! 10 von 10 Punkten.
  • Pepe Metropolis, Hinterland (Album ›Lodger‹, A-Seite, 1979). – Eine etwas viktorianisch und cthuloid anmutende Geschichte, die nicht zwangsläufig 2064 hätte spielen müssen; 1864 wäre – selbst ohne Steampunkflair – genau so gut gegangen, sieht man von winzigen Details ab (die dann mittels Steampunk doch wieder hätten realisiert werden können). Es geht um eine Sintflut und eine Arche, um zwei Männer auf der Suche nach einem verschollenen Freund, irgendwo in der Südsee um Tahiti. Das Ende ist halb offen, kann man sagen. Insgesamt eine schöne Geschichte: runder Stil, einwandfreier Spannungsbogen, ein bisschen Vorhersehbarkeit, damit man als Leser nicht ganz so ein blödes Gesicht machen muss, am Ende eine kleine Überraschung. Ja, das passt … 10 von 10 Punkten.
  • Barbara Streun, On Idle (Saviour Machine, 1970; Time, 1972; Heathen, 2002). – Eigentlich widerspricht die Idee jeglichen einsteinuniversellen Naturgesetzen, aber sie ist trotzdem schön: Mit einem M. E. K. genannten Gerät wird Materie »erzeugt«. Dass das auch Waffenpotenzial hat, ist klar. Und deshalb muss schon die Erfindung verhindert werden. – Eine durchaus gelungene Zeitreisegeschichte mit Spannung bis zum Schluss. Länger hätte das Werk das Zeug zu einem ordentlichen Thriller. 8 von 10 Punkten.
  • Ernst-Eberhard Manski, Der Saxophonist vom Rathaus Neukölln (Warszawa, 1977; Neuköln, 1977). – Endzeitstory, einmal anders. Mitten in Berlin ist ein Raumschiff runtergekracht und hat ordentlich Bausubstanz wegrasiert. Ein Historiker kommt heim und findet die alten Spuren – und sein (intaktes) Heim. – Die Stimmung ist wundervoll leicht, fluffig, die Geschichte liest sich wie ein luftiges Gebäckstück, wundervoll! 10 von 10 Punkten. (Die falsche Schreibweise von Neukölln als »Neuköln« hat mich irritiert und beschäftigt, aber Bowie hat den Song wirklich nur mit einem »l« geschrieben …)
  • Karla Schmidt, Erlösungsdeadline (Five Years, 1972; Joe The Lion, 1977; Looking For Water, 2003). – Das Land befindet sich nicht im besten Zustand, den Menschen geht es nicht wirklich gut. Und da gibt es diese Sekte, die für den 01.01.2032 die Erlösung der Welt verspricht. Aber ist das wirklich eine Sekte? – Karla führt hier das Universum ihrer Story »Lebenslichter« (»Die Audienz«, Wurdack) fort, was witzigerweise an einem winzigen Objekt erkennbar ist: der Brille, die die Stimmungen anderer Menschen (und des Trägers) anzeigen kann. – Karla kokettiert ja immer noch ein wenig damit, dass sie eigentlich mit Fantastik nichts am Hut hat, aber das wird mit jeder Story unglaubwürdiger. Denn es mag sein, dass sie auch was anderes schreiben kann; Science Fiction, Fantastik kann sie aber auch. 10 von 10 Punkten. Edit 23.02.2011 (zur Streichung): Das stellte sich in dieser Darstellung als Missverständnis heraus.
  • Markolf Hoffmann, Triptychon (Hearts Filthy Lesson, 1995). – Ist ein Mord ein Mord – oder Kunst? Und was, wenn der Mörder ein Selbstmörder ist? In der von Hoffmann beschriebenen Welt kann man einen Mörder nicht mehr so einfach zur Rechenschaft ziehen. Und in manchen Fällen zweimal nicht. – Eine tolle, leider viel zu kurze Geschichte mit einem Plot, der sich auch – nicht gezwungenermaßen, aber eben auch – als Steampunkplot bestens eignen würde. 9 von 10 Punkten.
  • Aleksandr Voinov, Nicht Amerika (This Is Not America, 1985). – Eine schöne Geschichte mit ganz klassischem Aufbau: Es geht nicht um Zombies, denn die baut man anders. Sie benehmen sich vielleicht wie Zombies, aber selbst das täuscht. Und der scheinbar immune Protagonist ist nicht nur nicht immun, sondern auch der Beweis. – Schön. Hat mir sehr gefallen. 9 von 10 Punkten.
  • Tobias Bachmann, Die letzte Telefonzelle (No One Calls, 1999). – Waaah, wie geil ist das? Ein Bulle soll eine Telefonzelle observieren, wo jemand auftauchen soll, den er zu liquidieren hat. Aber einiges geht schief – und die Telefonzelle ist intelligent, und lässt ihn nicht telefonieren, weil sie die letzte aller Telefonzellen ist und nicht entdeckt (und abgebaut) werden möchte. Aber die Auflösung … wow, wow, wow! – 10 von 10 Punkten.

EIN PAAR ZITATE GEFÄLLIG?
Ich denke, Zitate hatten wir bislang genug – auch wenn es sich um fehlerbehaftete Textstellen handelte. Insgesamt ist es schwierig, Zitate herauszupicken, denn selbst die schlechten Geschichten sind auf einem hohen Niveau schlecht.

ZU EMPFEHLEN?
Natürlich. Es ist ein Wurdack. Wie sollte man das Buch nicht empfehlen können?

NOCH WAS?
Das Buch ist recht groß, aber sehr handlich. Die Verarbeitung ist einwandfrei, das Layout sehr schön, weil sehr großzügig. Einzig mit der Klappenbroschur habe ich immer Probleme, was eigentlich aber nur daran liegt, dass ich den sittlichen Nährwert einer solchen Erfindung nicht verstehe; als Lesezeichenersatz würde ich sie nie verwenden, weil sie Cover und eingeschlagene Seiten letztlich versaut und ein echtes Lesezeichen auch nicht wirklich ersetzen kann; demgegenüber ist sie dann oft genug im Weg, weil sie sich ein wenig sperrig verhält. Aber gut – in Zeiten zahlreicher Konkurrenz zählt jedes zusätzliche Unterscheidungs- oder Alleinstellungsmerkmal für einen weiteren kleinen Marktanteil.