Wortgewalt, möglicherweise cholerisch

Jochen Malmsheimer. Dass er am 05.02. im Murnauer Kultur- und Tagungszentrum (kurz KTM) spielen würde, bekam ich nur durch Zufall mit, weil ich ausnahmsweise mal das Murnauer Regierungsorgan … äh, Gemeindekäseblatt durchblätterte. Die Entscheidung war schnell gefallen. Ich kannte Malmsheimer vor allem aus der Priolschen Reihe »Neues aus der Anstalt«, wo er die Figur des Hausmeisters ausfüllte. Und ich mochte ihn vom ersten Halbsatz an, den ich vernahm.


(Fotoquelle: www.jochenmalmsheimer.de/fuer-der-presse.html, Motiv: Malmsheimer schaut aus Hemd; ein Copyright ist nicht angegeben)

Veranstaltet wurde der Abend vom Murnauer Kulturverein e.V., der mir ansonsten bezüglich manch kulturellem Aspekt im sonst regen Murnau eher ignorant vorkam. Aber das ist hier nicht das Thema.
Die Veranstaltung war gut besucht, allerdings nicht ausverkauft; ein paar Plätze bleiben leer. Und das Programm, das den Titel »Wenn Wörter reden könnten oder 14 Tage im Leben einer Stunde« trug, hatte zwar mit dem Titel nichts zu tun – Malmsheimer entschuldigte sich, dass er in der Regel erst die Titel erfand und dann oft nicht wusste, wie er sie mit passenden Inhalten füllen sollte – war mir nicht gänzlich unbekannt. Eine ganze Reihe von Details kannte ich schon aus der »Anstalt«.
Dennoch …

Malmsheimer begann mit seinen Söhnen, um schnell zu Hunden zu wechseln, die den sprichwörtlichen Aufhänger für einen Dialog über Anleinvorschriften bildeten. Es ging weiter mit Ommma (mit 3 m; für den Nichtruhrgebietsdialektfachmann: die Oma, Großmutter u. ä. ist gemeint) und über den an ihr genial aufgehängten Schlenker »Früher war alles besser« direkt in die 70er Jahre. (Das anwesende Publikum war hinsichtlich seiner Altersstruktur auf jeden Fall fachkundig.)
Pause.
Nach derselben ging es mit den 70ern weiter, dabei vor allem um das Spezialthema »Feten« (heute »Party«, »Event« o. ä.) und deren (damaligen) Regeln. Würde jemand heute solche Weisheiten über Dinge verbreiten, die gerade zwei Monate alt oder her sind, würde man ihn der Provokation von Langeweile bezichtigen; die Erinnerungen an genau die Dinge, die wir alle damals auf Feten erlebten, bohrten Löcher in die eigene (zugegebenermaßen nicht wirklich mitgebrachte) Ernsthaftigkeit.
Zum Ausklang gab es Besinnliches nach Malmsheimer-Manier: Ausführungen über die Freiluftsaison – die am 05.02. zwar noch weit vor uns zu liegen schien, aber wettertechnisch ja seit Winteranfang durchaus erkennbar ist – und ihre Wirkung auf den menschlichen Körper und direkt auch auf die menschliche Seele, die Psyche, den Geist.
Und als Zugabe gab es einen Beitrag zum Thema Sport. (Ich kann bis heute nicht unterscheiden, ob mein Applaus – und der meiner Mittäter – eine Zustimmung zu Malmsheimers Ausführungen zu diesem Thema galt, oder dem Abend insgesamt.)

Ich mag Malmsheimer. Er erinnert mich in mancher Beziehung an mich selbst. An meine Art zu reden. Daran, dass ich meine Stimme umso mehr erhebe, desto mehr ich mich engagiere. Echauffiere. Aufrege. In sprachlich fundierte Zornespanik auszubrechen wünsche. Den Zorn Gottes auf all jene herunterwünsche, DIE SICH NICHT IN DER LAGE SEHEN, IHR HIRN ZU VERWENDEN!

:)

Und mir gefällt an Malmsheimer, dass es ihm – wie auch auf seiner Website zu lesen ist – um die deutsche Sprache geht, und das merkt man. Sein Umgang mit derselben ist nicht immer nach meinem Geschmack, weil er sich zu Wortneuschöpfungen hinreißen lässt, die ich als überflüssig empfinde, weil er sich neudeutschen und denglischen Unsinns befleißigt, aber immerhin erkennt man an seinen Worten, dass er das ABSICHTLICH und nicht einfach nur als bodenloser Dummheit und Gedankenlosigkeit tut. Ganz im Gegentum.

Obwohl ich nicht wenige Teile des Programms bereits kannte, hat mir der Abend in höchstem Maße gemundet. Er hat meine Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern übertroffen. Er wird sich wegen der notwendigen CD-Käufe in nächster Zeit meinem Finanzminister gegenüber verantwortlich zeigen müssen.

  • P.S.: Meine Gattin störte das Übliche. Sie mag es nicht, wenn man die Stimme erhebt. Nun. Pech, würde ich sagen.
  • P.P.S.: Es wurde mir auch zugetragen, die Akustik im KTM – ich war erstmals dort – sei nicht durchgängig gut. Leute, die in der Mitte saßen (in der Mitte zwischen links und rechts, vorne und hinten), klagten über Probleme in der Verständlichkeit. (Tatsächlich glaube ich eher, dass manchen Einheimischen der Malmsheimer tatsächlich wirklich zu schnell gesprochen hat. Auch hier: Pech, würde ich sagen.) Wir saßen ganz vorne, ganz links – und ich hatte keinerlei Verständnisprobleme.