Hochniveau mit kleinen Macken

Heidrun Jänchen & Armin Rößler (Hrsg.)
DIE AUDIENZ
Science-Fiction-Reihe Band 16, Wurdack Verlag, Nittendorf, 2010, Paperback, 220 Seiten, ISBN 978 3 938065 62 4

Diese Anthologie ist, wenn ich mich nicht täusche, tatsächlich das allererste Wurdack-Buch gewesen, das ich gelesen habe. Eigentlich sollte ich mich dafür schämen, denke ich. Andererseits –

Frank W. Haubold, Die Audienz: Ich muss davon ausgehen, die Geschichte nicht vollständig verstanden zu haben. Vordergründig geht es um den Versuch eines Angehörigen einer Rasse im Angesicht einer Gefahr, Hilfe bei einer anderen, weiter entwickelten Rasse zu finden, die sich zu irgendeinem Zeitpunkt aus bestimmten Gründen entschieden hat, anderen Völkern keine Unterstützung mehr zukommen lassen zu wollen. Warum das so ist, wieso das alles so kam – das wird alles recht schön und gut lesbar erklärt. Die letzten zwei, drei Seiten, auf denen auf einmal Personen mit wohlklingenden Namen, offensichtlich Adelsangehörige und von großer Bedeutung, auftreten und sich über Geschichten unterhalten – die lassen mich vermuten, dass ich da irgendetwas verpasst habe. Stilistisch okay, wie bei Haubold nicht anders zu erwarten, aber dieser Knick am Ende …
Bruna Phlox, Hör auf die Wahrsagerin, Nishka!: Im wahren Leben sind die Menschen nicht selten behindert, im Netz leben sie ihr vermeintlich wirkliches Leben. Im Rahmen einer Studie – so sieht es laut den eingestreuten und eher störenden TechText-Schnipseln aus – werden zwei solche Lebewesen zusammengebracht, und die Ereignisse switchen auf zwei beinahe voneinander unabhängigen Ebenen der Realwelt und des Netzes hin und her. – Während ich die Geschichte von Bruna Phlox sonst sehr gerne gelesen habe, war mir diese hier ein wenig zu stachelig.
Bernhard Schneider, Sarah: Vorrangig eher eine Horrorgeschichte, denn Sarahs Zustand ist ganz sicher nicht der, den wir für eine kranke, bettlägerige Frau im eigenen Heim als normal ansehen würden. Vom Stil her jedoch gut geschrieben. Das Ende ist, wenn man wie ich gerade die »Resident Evil«-Filme schaute, ein wenig naheliegend, aber nur aus Zufall.
Regina Schleheck, Ein Schiff wird kommen: Knackiges kleines Chaosstückchen über die Raum-Zeit-Effekte, die es in der Zukunft haben kann, wenn man in der Vergangenheit, zu einem Zeitpunkt, zu dem das noch gar nicht funktionieren kann, einen Film über ein Reiseraumschiff anschaut, dessen Mannschaft und Passagiere ein klein wenig unter der FWD- und RWD-Taste zu leiden haben. – Schön, aber nicht perfekt. Daraus hätte man wenigstens eine Novelle mit ein wenig mehr »Spiel« machen können, vielleicht sogar mehr. In dieser würzigen Kürze bekommt man allenfalls Entzugserscheinungen.
Christian Weis, Ausgespielt: Der Mond als Lebensraum des Menschen, Androiden und Cyborgs – und die alte Geschichte davon, was passiert, wenn Androiden nicht mehr so auf die Asimovschen Gesetze schauen. Eine feine, in typisch Weis’scher Manier elegant geschriebene Krimigeschichte mit dem Potenzial für ein Filmdrehbuch, für das verschiedene ausführende Produzenten in Frage kämen. (Ich hatte mir erlaubt, spontan über die Tarantino-Variante nachzudenken …). – Einer meiner Favoriten in dieser Sammlung.
Nadine Boos, Finja-Danielas Totenwache: Der Mensch lebt in einer Zeit potenzieller Unsterblichkeit. Wenn sein letzter Körper sein Haltbarkeitsdatum überschritten hat, wird der Mensch auf den Nachfolger übertragen – mit allem Drum und Dran. Und gut. Oder auch nicht. Manchmal wird ja alles anders, als man denkt. – Mir gefallen diese Zweispaltergeschichten, in denen parallel laufende Handlungen sprichwörtlich nebeneinander gestellt werden, eigentlich nicht. Im Gegensatz zur Split-Screen-Technik im bewegten Bild funktioniert das nämlich nicht wirklich. Aber der Plot ist intelligent, wenn auch recht schnell recht vorhersehbar.
Christian Günther, Der geborgte Himmel: Eine Marsgeschichte, fast ein Klassiker: Die Menschen sind gezwungen, die Marskolonie aufzugeben; es geht einfach nicht. Erst bleibt ein kleiner Teil der Menschen zurück, doch auch das ändert sich. Und als am Ende die letzten Menschen auf die Erde zurückkehren, hat man so ein wenig den Eindruck, als käme da jemand vom Regen in die Traufe. Was andererseits nicht stimmen muss … – Klassische Geschichte, klassischer Plot, klasse (und vielleicht klassisch) geschrieben. Schön.
Karla Schmidt, Lebenslichter: Das Leben der Menschen hat sich sehr verändert. Krankenversicherungen sind im Grunde längst so unerschwinglich wie frische, natürliche Lebensmittel. Immer weniger Menschen müssen immer mehr Menschen versorgen, und immer stärker bricht die Gesellschaft ein – nicht schlagartig, sondern sprichwörtlich quälend langsam. Und ebenso ergeht es den Leben der wenigen Menschen, die noch Arbeit haben, die noch Geld verdienen, die noch gesund sind. – Die Protagonistin gerät in zusätzliche Schwierigkeiten durch eine besondere Brille, die in ihren Besitz gelangt, und durch eine besondere Bekanntschaft. Aber bei allem, was da den Bach runterzugehen scheint, ist auch ein Ausweg. – Bei der unvorbereiteten Erstlektüre war mir der Hintergrund der Geschichte beinahe zu dystopisch, und er erinnerte mich auch ein wenig zu sehr an die ganzen Schwarzmalereien, die man in Bezug auf nahezu alle Themen aus nahezu allen Richtungen und ewig Wahrheit verkündenden Journalistenmäulern und ewig Lügen verbreitetenden Politikerfressen – oder war das umgekehrt? – vernehmen kann. Tatsächlich ist aber genau das einer der Pluspunkte dieser Geschichte, die letztlich – neben einer gut erzählten Story auf personaler Ebene – ein wenig und durchaus nicht uneffektiv in gesellschaftlicher Kritikunfähigkeit herumstochert. Eindeutig eine Favoritengeschichte.
Armin Rößler, Phönix: Auf einem Planeten, auf dem ewige Brände wüten, sind Menschen in Schichten damit beschäftigt, die Feuer wenigstens dort zu löschen, wo es konkret für jemanden von Vorteil ist. Die Eingeborenen haben zu diesen Bränden allerdings eine völlig andere Beziehung. – Der Protagonist, einer der Löschflieger, bekommt Kontakt mit den Eingeborenen und lernt. Und in heutzutage üblicher Denkweisenumkehr wird aus dem kulturzerstörenden Brandlöscher ein Retter der Eingeborenenkultur. Und er hat natürlich auch etwas erlebt, das scheinbar die Motivation für sein Umdenken und Handeln ist. – Eigentlich eine gut und routiniert geschriebene, angenehm zu lesende Geschichte, aber ich kämpfe hier mit einem ganz persönlichen Problem: Ich hasse Leute, die etwas zerstören, um etwas anderes zu retten – und umgekehrt –, ich hasse Leute, die nichts kennen, als gegen etwas zu sein, weil andere dafür sind, und ich hasse Leute, die mit jedem Wort und jeder Handlung beweisen, dass sie keine Kompromissfähigkeit, keine Erkenntnis für den Mittelweg aufbringen können … nein, nicht nicht können, sondern nicht wollen! Wie gesagt: gute Story, falscher Leser.
Arnold H. Bucher, Der Erste Roboter: Aufgrund der Kürze leider nicht sehr tiefgreifend, aber die Idee mit dem Ersten Roboter des amerikanischen Präsidenten ist nicht reizlos. Man hätte mehr draus machen können. So bleibt es ein Stückchen Slapstick mit leichtem Tiefgang und Potenzial. Mehr nicht.
Andreas Flögel, Lod, Lad, Chine: Eine Krimigeschichte um einen Mord, einen Amok laufenden Androiden und mehr. Insgesamt eigentlich nett, wenn sie nicht nerven würde. Denn in all der Kürze versucht der Autor, eine neue Weltbeschreibung zu schaffen, mit neuen Begriffen, neuen Hierarchien im Denken und Sein, mit einer neuen Gesellschaft, deren Basis erkennbar nicht mit der unseren zu tun hat. Es wird nichts wirklich erklärt, und die Begriffe, die neu erfunden wurden, haben alle klangliche und schriftbildliche Ähnlichkeiten in einem Umfang miteinander, dass es den Lesefluss und damit letztlich auch die Erkenntnis für den Leser möglicherweise nicht nur erschwert, sondern gar völlig unmöglich macht. – Für mich eine Geschichte, die mir einfach nicht gefallen hat.
Kai Riedemann, Ich töte dich nach meinem Tod: Virtual Reality und Krimistorys sind zwei Dinge, die immer gut zusammen passen. Mit all – selbst – den – noch nicht entwickelten – Möglichkeiten einer VR lassen sich Hintergründe für klassische Krimiplots aufbauen, die auch aus dem ältesten Bartwickelmaschinenstarter noch etwas herausholen können. Hier geht es ebenso um VR, einen Mord, Sex und einen Serientäter. Die Geschichte leidet letztlich an dem Ich-Erzähler – die Perspektive des Off-Erzählers wäre besser gewesen – und an zu viel Nachdenklichkeit, Erklärungswut und Erkenntnislust.
Heidrun Jänchen, Kamele, Kuckucksuhren und Bienen: Coole Story um einen fremden Planeten, Wissenschaftler im Angesicht einiger Aspekte lokaler Flora und Faune, die so nicht sein können – und am Ende mit einer Erkenntnis und einer Entscheidung. Die Erkenntnis kann ich verraten: »Die Fremden« […] »müssen uns irgendwie ähnlich sein.« (Seite 177) – Coole Story, wie gesagt, sehr schön. Wäre das Ende nicht, wie es ist, hätte die Story Potenzial zu einem Film (womit ich meine, dass mit so einem Ende heute keine Filme gemacht werden, weil keine Fortsetzungsmöglichkeit geboten wird – eigentlich …). Mein dritter Favorit in diesem Band.
Jakob Schmidt, Auslese: Fleischengel sind es, die die sterbenden Menschen holen. Aber da ist nichts Religiöses oder Okkultus dran – Fleischengel stammen aus einer anderen Dimension und lesen die biologischen Daten aus DNS und Zellstrukturen, und danach erstellen sie die Planung, wann wer dran ist. – Eine durchaus intelligent geschriebene, ansonsten völlig abgedrehte Geschichte, am Ende mit dem sich gehörenden i-Tüpfelchen. Sahne, erste. Favorit, und.
Andrea Tillmanns, Hitze: Noch eine dystopische Gesellschaft, in der sich das Leben schwer verändert hat – und das nicht zum Guten. Preissteigerungen, von denen wir heutzutage nur albträumen, Rationierungen von allem, was wir unter dem Begriff »Grundversorgung« betrachten – und die gesellschaftlichen Veränderungen, die daraus resultieren. – Die nicht wirklich tiefgehende Geschichte reißt die meisten Themen einfach nur an. Natürlich regt sie dadurch zum Nachdenken an, aber wer hat dafür schon Zeit … wirklich Zeit?
Karsten Kruschel, Ende der Jagdsaison auf Orange: Vorrangig ist es eine Jägergeschichte, oder genauer: die Geschichte von Wilderern, die auf einem Planeten, Orange eben, der einer Firma gehört, auf die Jagd gehen. Der Planet hat es in sich – sogar seine Legenden verwandeln sich … in Wirklichkeit. – Kruschel popelt nicht an seinen Plots rum, um etwas Ausgefallenes zu schaffen, sondern an seinen Welten. Orange ist eine Ansammlung ganz feiner, recht fremdartiger Ideen, und auch wenn er in seiner Beschreibung dieser Welt den Leser nicht wirklich im Unklaren darüber lässt, was sich da so abspielt – biologisch, vererbungstechnisch u. ä. –, ist das Ende doch nicht vorhersehbar. Orange böte sicherlich so viel Potenzial wie Vilm – mal sehen, was er daraus macht. Ich mache erstmal einen weiteren Favoriten in diesem Band draus.

Fazit: Ich kenne die vorherigen Wurdack-Anthologien nicht, aber sehr wohl die Kritiken dazu. Es ist heutzutage nicht schwer für einen Kleinverlag, die besten Anthologien mit deutscher SF auf den Markt zu bringen, es gibt immerhin wenig Konkurrenz. Aber auch bei einer denkbaren Konkurrenz sind die Wurdack-Sammlungen insgesamt immer so gut gemischt, dass für jeden was dabei ist – und zwar auf einem recht gleichbleibenden Level. Sieht man von dem Flögel und meinem persönlichen Problem damit ab, liegen die Storys qualitativ in jeder Beziehung alle recht gleich auf. Die Favoriten, die ich erwähnte – Weis, Schmidt, Jänchen, Schmidt und Kruschel – ragen erkennbar heraus, lassen die anderen Storys aber nicht gnadenlos hinter sich. Eine sehr gelungene, ausgewogene Mischung, wohl ein weiteres Mal eine Gelegenheit, deutsche SF zu goutieren, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Bemerkenswert: Der Text auf der Buchrückseite mit Kritiken zur Anthologie, die selbst so fiktional sind wie die Storys. Gefällt mir.
Und besonders gefällt mir, dass das Buch ordentlich lektoriert und korrigiert wurde. Das ist selten genug, und es zeugt davon, dass bei Wurdack ein paar Leute am Werk sind, die mit großer Sorgfalt vorgehen. Das Layout mit den fetten Strichen bzw. Strichkreuzen auf allen Seiten sind nicht so mein Ding, und auch die Einklinker mit den Infos zu den Autoren waren anfangs gewöhnungsbedürftig, aber wenn sonst alles stimmt – und das tut es –, dann fällt es leicht, auch mal seinen eigenen Geschmack ein wenig schief anzuschauen und ihn zu fragen, ob das denn wirklich so schlimm wäre …