Herr Hütter und die Tränen

Am nächsten Tag verfestigte sich die Gewissheit. Es war vorbei. Das monatelange Grauen war vorbei. Endlich –

Mittags schnappte sich Herr Hütter seine Hündin, verfrachtete sie ins Auto und fuhr zum See. Dort gab es einen Weg am Südufer, der bei dem hellen und grellen Sonnenschein für die Hündin den Vorteil hatte, Schattenzonen zu besitzen. Sie musste nicht die ganze Zeit Sonnenlicht und Wärme tanken. Herr Hütter mochte den Weg, wenn einigermaßen sichergestellt war, dass Radlfahrer eher selten unterwegs waren. Und Hundebesitzer mit Hirn den Weg nutzten. Wobei … nun gut, … Herr Hütter glaubte längst nicht mehr daran, dass der Hundebesitzer par excellence mit Gehirn ausgestattet war. Und wenn doch, bezweifelte er, dass es funktionierte.
Aber das Schicksal war Herrn Hütter ausnahmsweise wohlgesonnen. Oder erweckte erfolgreich diesen Eindruck. Es gab nur eine Begegnung mit einem Hund – und der war erzogen. Es gab einige Begegnungen mit Radlern – und die waren offensichtlich noch nicht aufgewärmt genug, um sich als die »Kings of the Road« aufführen zu können.

Aber wichtiger war das, was sich in Herrn Hütter abspielte. Es war …
Frühling.
Warm.
Sonnig.
Der See lag flach und ruhig vor ihm. Wörth und die anderen Inselchen waren wie Juwelen.
Der Himmel war blau. Nicht wie Stahl. Eher wie Blau. Einfach blau.
Die MS Seehausen war noch nicht unterwegs, wie es schien. Das Wasser war flach, glatt, ungeteilt, jungfräulich. Als hätte man den See frisch eingelassen.
Herr Hütter holte Luft.
Tief.
Immer wieder.
Der Geruch der Luft – Er war überrascht, dass die Luft wieder einen Geruch hatte. Den ganzen Winter über war sie geruchlos, kalt, eingefroren.
Der Geruch –
Herr Hütter sog ihn ein und lauschte dem Knispeln und Knuspern seiner Lungenbläschen, die ob dieser spontanen und unangekündigten Drogenzufuhr völlig aus dem Häuschen schienen.
Er holte Luft.
Immer wieder.

Und er weinte.

Später saß Herr Hütter in einem kleinen Biergarten am Seeufer. Das Auto stand nur wenige Meter entfernt. Er gönnte sich ein Weißbier. Er saß an einem Tisch mit einem Ehepaar und seiner Tochter, die dann irgendwann mit einem »Pfia God« aufbrachen.
Seine Hündin lag zu seinen Füßen. Herr Hütter wusste nicht, wie er es anstellen sollte. Er wollte einfach dort bleiben. Sich nicht mehr bewegen. Nur Weißbier nachbestellen. Vielleicht etwas zu essen. Und Wasser für die Hündin. Da bleiben. Aus der Welt verschwinden. Und da bleiben.
Er verkniff es sich, wieder zu weinen, obwohl ihm danach war. Er mochte die Welt nicht, doch manchmal war sie unglaublich. So unglaublich.
Durch Zufall sah er auf und bemerkte, dass sich das Weibchen eines Entenpärchens seiner Hündin näherte. Seine Hündin war eine Jägerin. Sie stand auf Enten. Unter anderem. Der Erpel hielt sich im Hintergrund, ließ seiner Gattin den Vortritt. Die war offensichtlich durch den Hunger verwirrt. Sie kam direkt auf Herrn Hütters Hündin zu. Und das konnte –
Doch sein Hundemädchen rührte sich nicht. Erst, als die Entendame nur noch einen halben Meter vor seiner Hündin Schnauze daherwatschelte, erhob sich die Hündin. Sie stellte sich nur auf die Pfoten. Mehr nicht. Kein Angriff, kein Vorangehen, mit dem Herr Hütter eigentlich gerechnet hätte. Nein. Seine Hündin stellte sich nur auf die Füße.
Die Entenfrau erschrak natürlich trotzdem. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie machte einen Schritt zurück, einen nach links, einen nach rechts, wusste nicht so recht, wohin, wandte sich dann um und watschelte zu ihrem Erpel zurück. Herr Hütters Hündin war vielleicht perplex, vielleicht auch cool – sie tat nichts, außer zu schauen.
Und dann legte sie sich wieder hin. Es gab wenig Gelegenheiten den lieben langen Tag über, zu denen Herr Hütter sich veranlasst sah, zu lächeln. Jetzt grinste er sogar.

Wieder daheim bereute Herr Hütter nichts. Er ärgerte sich nicht. Es gab nichts.
Nur geweint hätte er gerne noch einmal.