Big thing, no fantasy

Alex Adams
WHITE HORSE
(White Horse, 2012)
Übersetzung a. d. Amerikanischen: Birgit Reß-Bohusch, Piper Verlag, München, 2012, Klappbroschur, 444 Seiten, ISBN 978 3 492 70252 2

VORBEMERKUNG
Das Buch lag im Rezensionsexemplarestapel, den ich von Michael Scheuch für MAGIRA übernommen hatte. Normalerweise gebe ich wenig auf Buchrückseitentexte. Sie führen je nach Ausprägung sogar eher dazu, dass ich die Finger von einem Buch lasse. Wenn sie sehr knapp sind, zum Beispiel – wie in diesem Fall. Wenn sie den Autor mit anderen Autoren vergleichen, z. B. Stephen King und Justin Cronin – wie in diesem Fall. Aber da steht auch, dass es sich um ein Debüt handelt, ein Erstlingswerk, und solche reizen mich, weil es sein könnte, dass ich dabei für mich einen Autor – oder hier eine Autorin – entdecke. Ich klicke normalerweise auch keine Werbebanner, und bei dem einen Mal, dass ich es tat, habe ich Phil Rickman für mich entdeckt.

WORUM GEHT ES?
Die Welt liegt auf der Schnauze. Neunzig Prozent der Menschheit sind an einer Viruskrankheit namens White Horse gestorben. Die restlichen zehn Prozent teilen sich in zwei Hälften: monströse Mutanten und Immune.
Zoe, die Protagonistin, schildert die Handlung aus der Sicht des Ich-Erzählers, aufgespalten in Kapitel »Zeit: damals« und »Zeit: jetzt«, zwei Handlungssträngen also, die sich natürlich aufeinander zu bewegen und sich irgendwann vereinigen. Damals war es die Zeit vor dem Ausbruch der Seuche, jetzt die Zeit, während der Zoe mit verschiedenen Begleitungen auf dem Weg durch ein zerstörtes Europa ist, um Griechenland zu erreichen. Da sind Lisa und Irini, zwei Mädchen. Und der Schweizer. Lisa stirbt auf dem Weg, der Schweizer ist schuld. Der versucht auch, sich Zoes Baby zu bemächtigen, das sie unter dem Herzen trägt und das irgendwann das Licht der schrecklich verunstalteten Welt erblickt. Über allem schwebt der ständige Zweifel, ob sie nicht selbst noch erkranken könnte: Zoe, ihr Baby. Lisa vielleicht. Was ist mit Irini? Die sollte irgendwann auch eigentlich tot sein, ermordet von dem Schweizer. Doch White Horse hat offensichtlich noch andere Auswirkungen …
Und der Schweizer ist in vielerlei Beziehung seltsam.
Und dann ist da noch Nick, der Grund, warum Zoe sich nach Griechenland aufmachte …

WIE IST DER STIL?
Das einzig passende Adjektiv für Adams’ Stil ist: geil. Ich finde es, wie angedeutet, immer ein wenig gewagt, gleich am Anfang Vergleiche mit den Großen der Branche anzustellen. Aber ich habe wenig genug von King gelesen und gar nichts von Cronin, um das unbelastet zu überstehen. Und einfach nur zu finden, dass der Stil eben geil ist. Rattengeil.

WAS GEFIEL NICHT?
Nichts. Nicht einmal, dass das Buch irgendwann zuende war, denn es war perfekt abgerundet, ein homogenes Werk.

WAS GEFIEL?
Ich fühlte mich nicht den Bruchteil eines Augenblicks gelangweilt. Ich hatte an keiner Stelle den Wunsch zu fragen, was das soll. Ich fühlte nicht ein einziges Mal eine Unstimmigkeit. Es fehlte an nichts. Die Geschichte ist im Grunde nicht neu, aber sie gewinnt hier ganz neue Facetten durch den ständigen Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Sie siegt durch eine Knappheit im Wort, durch einfache, harte Bilder, die im Kopf entstehen, die eindeutig und klar sind und in dieser Eindeutigkeit und Klarheit brillant und wunderschön. Während ich das Buch las, lief ständig ein Film vor meinem inneren Auge ab – ich bin jemand, bei dem das so passiert –, und auch wenn ich vermute, dass viele der Filmbilder, die ich da zu sehen glaubte, Schnipsel aus den vielen richtigen Filmen waren, die ich in meinem Leben bisher gesehen habe, so war es doch die Gesamtkomposition, die das Buch mit dem Film in meinem Hirn zu einem einzigartigen Leseerlebnis machte.

EIN PAAR ZITATE GEFÄLLIG?

»›Hast du eine Familie?‹
[…]
›Kinder?‹
›Ich bin das Kind.‹
Der Kummer zerschneidet mir das Herz, aber ich habe keine Tränen mehr. ›Du hast Glück.‹« (S. 362)

»›Glaubst du an Gott?‹
›Wenn es ihn gibt, dann muss er ein Riesen-Arschloch sein. Aber ich behalte mir das Recht vor, meine Meinung zu ändern, falls wir das hier überleben.‹« (S. 387)

ZU EMPFEHLEN?
Unbedingt. Unbedingt. Unbedingt.

NOCH WAS?
Das Buch erscheint bei Piper Fantasy. Das ist eine krasse Fehleinstufung, wie ich finde, denn das Buch fand sich zwar im Rezensionsexemplarestapel für MAGIRA – JAHRBUCH ZUR FANTASY, ist aber keine Fantasy. Science Fiction eher, würde ich sagen, eine Endzeitgeschichte, wie sie in früheren Jahrzehnten fast automatisch zur Science Fiction gezählt wurden. MAGIRA immerhin wird auch eine Rezension veröffentlichen können, wenn auch eine sehr knappe.