Herr Hütter und die Scheibentüte

Es war Zeit für den Abendgang. Herr Hütter kleidete sich an, um den Wetterbedingungen standzuhalten, und bat seinen Hund, ihn zu begleiten. Sie, eine Hündin, ließ sich wie immer nicht lange bitten. Ganz im Gegenteil.
Herr Hütter wohnte in einem kleinen Ort, der durch eine Landstraße gepeinigt wurde. Unterhalb des kleinen Ortes gab es noch einen solchen Ort. Eigentlich ein Friedhof. Möglicherweise. Manchmal gab es in einem der Häuser am Abend auch ein Licht. Aber das konnte auch eine Zeitschaltuhr sein. Menschen kannte Herr Hütter dort unten fast nicht. Aber es war eine gute Gegend für den Hund. Meistens.
Später kam er an einem Auto vorbei. Ein Kleinwagen. Münchner Kennzeichen. ›Natürlich‹, dachte Hütter. Die Scheinwerfer waren aus, am Steuer saß ein Typ. In irgendwas vertieft. Vermutlich ein iPad oder irgendein verdammtes Smartphone. Der Motor lief. Und stank. Benziner.
Herr Hütter machte die Schleife. Der kleine Ort bestand nicht nur aus von Zeitschaltuhren bewohnten Häusern. Er hatte zwei Abzweigungen und eine Schleife. Es galt eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h. Für die sich niemand interessierte. Jedenfalls kannte Herr Hütter niemanden, der das tat. Die, die das nicht taten, wollte er nicht kennen.
Auf dem Rückweg kam er wieder an dem Auto vorbei. Scheinwerfer aus. Typ drin. Vertief. Motor laufend. Stinkend. Benziner.
Herr Hütter klopfte mit der behandschuhten Hand an die Seitenscheibe auf der Beifahrerseite. Der Typ sah hin und rührte sich nicht weiter. Herr Hütter klopfte noch einmal. Mit ungelenkten Bewegungen kurbelte der Typ die Scheibe herunter.
»Was?«, fragte er.
»Könnten Sie Ihren Motor abstellen? Sie verpesten die Luft.«
»Dann wird es aber kalt«, sagte der Typ.
»Den Gestank Ihres Motors riecht man bis unten.« Herr Hütter log nicht mal, erwartete aber nicht, dass der Typ wusste, was er mit ›unten‹ meinte.
»Na und?«, fragte der Typ.
»Wenn Sie Ihren Motor nicht abstellen, nehme ich Sie vorläufig fest und rufe die Polizei.«
»Sie nehmen mich vorläufig fest?«, fragte der Typ.
»Ja«, antwortete Herr Hütter. »Ich darf das.«
»Bis die Polizei da ist, bin ich längst daheim«, sagte der Typ.
»Dann fahren Sie gleich da hin und verpesten dort die Luft«, antwortete Herr Hütter. »Bitte.«
»Einen Scheißdreck werde ich tun. Ich kann die Luft verpesten, wo ich will …«
Herr Hütter griff in seine linke Jackentasche und nahm die Tüte mit den Hinterlassenschaften seiner Hündin heraus. Schön viel. Schön weich. In einer schön dünnen Tüte. Er holte ein wenig aus und klatschte die dünne Plastiktüte auf die Windschutzscheibe des Wagens. Sie zerplatzte sofort. Und verteilte schön viel schön weiche Hündinnenhinterlassenschaften auf der Windschutzscheibe.
Der Typ öffnete ruckartig die Wagentür und sprang heraus.
»Was soll das denn?!«, schrie er.
»Ich kann Ihre Windschutzscheibe verschmutzen, wo es mir gefällt«, antwortete Herr Hütter. »Wenn Ihnen das nicht passt, stellen Sie Ihr Auto woanders hin, um die Luft zu verpesten.«
Herr Hütter ging davon. Der Typ konnte ihn nicht verfolgen. Herr Hütter wusste, dass der Haufen seiner Hündin schön viel groß gewesen war.