Geil im Wald

Pünktlich zur Umstellung auf Winterzeit kam der Schnee nach Oberbayern. Er fiel reichlich in der Nacht, nass und schwer. Und in der Nacht danach noch mehr.
Frisch gefallener Schnee verliert hier schnell seine Jungfräulichkeit. Irgendeiner muss immer räumen, irgendeiner immer schippen. Irgendeiner muss immer irgendwo lang fahren, wo sonst keiner lang muss. Aber es gibt noch Ecken, wo es ein Weilchen dauert, bis der Schnee Spuren erleidet. Und manchmal stammen sie von ihm selbst.
Der Pflegeweg für die Kanalisation des Marktes Murnau ist kein Geheimtipp, aber ein wenig begangener Weg. Warum auch immer. Die Fahrspuren der Gemeindefahrzeuge waren schon wieder schneefrei. Es taute ein wenig, zwei, drei Grad über Null. Und der Schnee, der noch lag, war nass und schwer. Wie gesagt.
Selbst die Tannen bogen sich ein wenig, je nachdem, auf welcher Seite sich dann doch mehr Schnee vergangen hatte. Aber die Laubbäume, die Sträucher … Die Wege, die sonst offen und licht vor einem lagen, hatten etwas Geheimnisvolles, etwas von einem Labyrinth. Während man bis in den Herbst noch sehen konnte, wo die ungeliebte Steigung enden würde, gab es dafür heute keine Chance.
Es war ein kleiner Hindernislauf, der vor allem den Hund aus dem Konzept brachte. Sie, die sonst außer purem Asphalt allen Untergrund nach Möglichkeit zu verabscheuen suchte, pflügte sich freudig durch den tiefen Schnee, manchmal bis zum Hals, jedenfalls aber bis zum Bauch. Aber sie kannte natürlich den Weg und an den Stellen, wo wir den schwer beladenen Hindernissen ausweichen mussten, zögerte sie, stockte, zickte.
An einem Baum ruckte ich an einem Zweig und mit patschend rauschendem Rieseln fiel der Schnee herab, löste sich in fein kristalline Wölkchen auf, während die Batzen, die herabfielen, Löcher in die unbefleckte Schneedecke patschten. Der Baum richtete sich wie von einem wohligen Seufzer begleitet auf und entzog sich damit weiteren Befreiungsversuchen von seiner weißen Last.
Auch die sonst unberührten Bäume befreiten sich immer wieder von ihrer Last. Mal waren es kleine Bätzchen, ein Wölkchen, ein Stäubchen. Manchmal richtig Schneebatzen. Zweimal erwischte es den Hund; she really wasn’t amused. Einmal mich – gerade als ich die Mütze abgenommen hatte, unter der sich die Wärme vom Marschieren staute.
Die Luft war nicht kalt, nicht warm. Knapp über dem Gefrierpunkt. Frisch, angenehm.
Heute mittag war es einfach geil im Wald.