Besorgniserregend? Auch nicht.

David Servan-Schreiber
DAS ANTIKREBS-BUCH
Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2007, Taschenbuch, 352 Seiten, ISBN 978 3 442 15558 3

VORBEMERKUNG
Besorgniserregend ist das Thema, nicht das Buch. – Nachdem ich vor einer noch nicht allzu lange zurückliegenden Weile »Das Anti-Krebs Kochbuch« – mit einem Bindestrich zu wenig – las, machte meine Gattin sich schon Gedanken, ob ich etwas wüsste, von dem sie noch nichts wüsste. Aber nach meiner Kenntnis ist dem nicht so.
Das Buch war vielmehr eine Empfehlung von meinem Gastroenterologen, nachdem ich letztes Jahr ein wenig Probleme mit meinen Blutwerten hatte und sich herausstellte, dass meine Leber ein wenig Erleichterung im alltäglichen Leben gebrauchen konnte.

WORUM GEHT ES?
Um Krebs. Um die seine Entstehung unterstützenden Einflüsse. Und um die seine Heilung unterstützenden Einflüsse. Dabei geht es nicht nur, aber auch um die Ernährung, die eine große Rolle spielt. Es geht auch um Meditation, um Bewegung und Sport, um eine Lebenseinstellung. So umfassend die Einflüsse sind, die Krebs entstehen lassen – und es ist längst bewiesen, dass Krebs keine erbliche Krankheit ist; es gibt nicht einmal eine Veranlagung dazu –, so umfassend sind auch die Möglichkeiten, seiner Herr zu werden.

WIE IST DER STIL?
Gemischt, aber immer gut. Gemischt, weil der Autor einerseits mit Fakten argumentiert und arbeitet – es gibt, nebenbei bemerkt, einen umfangreichen Quellen- und Literaturteil am Buchende –, weil er Geschichten erzählt – von anderen Erkrankten, aber auch von sich selbst –, weil er nicht nur nüchtern und sachlich, sondern bewegend und manchmal gar ergreifend schreibt, ohne theatralisch zu werden oder zu sein.

WAS GEFIEL NICHT?
Irgendwo so in der Mitte des Buches hatte ich eine Weile den Eindruck, der Autor würde einfach nicht auf den Punkt kommen. Worum ging es denn nun? Was könne man denn nun tun? Was ist die Lösung des Problems? Am Ende wusste ich, dass meine Erwartungen einfach falsch waren.
»Es kommt nicht auf die eine bestimmte Technik oder die eine Form der Anwendung an. Es gibt keinen geheimen, magischen Satz, der Krebs heilt, wenn man ihn in einer bestimmten Weise und mit einer bestimmten Häufigkeit rezitiert. Es gibt keine Position des tantrischen Yoga, die in der Lage wäre, alle Energien des Körpers exakt fließen zu lassen, geschweige denn zu kontrollieren. Entscheidend – und hilfreich – bei der Mobilisierung der Kräfte des Organismus ist, jeden Tag den Kontakt zu dem, was das Tiefste und Beste in uns ist, wiederherzustellen wird, mit Aufrichtigkeit, Wohlwollen und in Ruhe, der Kontakt mit der Lebenskraft, die in unserem ganzen Körper schwingt. Und dass wir uns vor ihr mit Respekt verneigen.« (Seite 265)
Anders ausgedrückt: Ich hatte einen Punkt erwartet, auf den der Autor kommen sollte. Aber es gibt diesen Punkt eben nicht.

WAS GEFIEL?
Neben dem Stilmix – siehe oben – gefiel mir vor allem, dass das Buch kein beinharter Ratgeber ist, indem einem Rezepte vermittelt werden, die man anwenden könnte – und die man durchhalten müsste, um zu einem Erfolg zu gelangen. Vielmehr gibt der Autor Anregungen, über Dinge nachzudenken, die man tagtäglich so tut, über die Art, zu essen, zu arbeiten, zu leben, denken und handeln. Und letztlich vermittelt er einem das Gefühl, dass zwar einerseits klar ist, dass wir alle irgendwann sterben müssen, dass wir aber letztlich immer noch die Kontrolle darüber haben, wann es geschehen wird. Wir sind nicht machtlos, nicht ohnmächtig – auch wenn Ohnmachtsgefühle mit zu dem gehören, was Krebs hervorrufen kann.

EIN PAAR ZITATE GEFÄLLIG?
Drei Beispiele für die verschiedenen Aspekte des stilistischen Mixes in diesem Buch:

»Ich lenkte mein Motorrad zu unserem Häuschen am anderen Ende der Stadt. Es war elf Uhr nachts; am klaren Himmel leuchtete ein prächtiger Mond. Als ich ins Schlafzimmer trat, schlief Anna schon. Ich legte mich neben sie und starrte an die Decke. Wie seltsam, dass mein Leben so enden sollte. Es war unvorstellbar. Zwischen dem, was ich gerade erfahren hatte, und dem, was ich über so viele Jahre aufgebaut hatte, tat sich eine tiefe Kluft auf. Ich hatte einen langen Anlauf genommen und wollte jetzt gerade zum Sprung ansetzen, wollte etwas erreichen. Ich hatte das Gefühl, dass ich noch ganz am Anfang stand und gerade erst begonnen hatte, einen nützlichen Beitrag zu leisten. Für meine Ausbildung und meine Karriere hatte ich viele Opfer gebracht, viel in die Zukunft investiert. Und plötzlich sah es so aus, als ob es womöglich gar keine Zukunft für mich geben würde.« (Seite 22, nachdem er das erste Mal die Diagnose erhalten hatte.)

»Manchmal bringen uns die Umstände dazu, die Bedeutung der Nähe neu zu entdecken. Dr. David Spiegel berichtet von einer Patientin, Leiterin eines Unternehmens, die mit dem Leiter eines anderen Unternehmens verheiratet war. Beide waren Workaholics und daran gewöhnt, ihr Leben bis ins kleinste Detail durchzuplanen. Als sie krank wurde, sprachen sie ausführlich über Behandlungsmöglichkeiten, aber kaum über ihre Gefühle. Eines Tages war sie nach der Chemotherapie so erschöpft, dass sie im Wohnzimmer auf dem Teppich zusammenbrach und nicht mehr aufstehen konnte. Zum ersten Mal weinte sie. Ihr Mann erinnert sich: ›Alles, was ich sagte, um sie zu beruhigen, machte es nur noch schlimmer. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, also setzte ich mich schließlich zu ihr auf den Boden und weinte mit ihr. Ich dachte, ich hätte völlig versagt, weil ich nicht mehr für sie tun konnte. Tatsächlich aber fühlte sie sich gerade dadurch besser – weil ich nicht mehr versuche, das Problem zu lösen.‹« (Seite 84)

»Das Internationale Krebsforschungszentrum der WHO führt eine Liste der karzinogenen Substanzen in der Umwelt. In den vergangenen 30 Jahren wurden 900 potenzielle Übeltäter getestet, ein verschwindend geringer Anteil bei über 100.000 Stoffen, die von der Industrie seit 1940 in großen Mengen (Millionen Tonnen pro Jahr) produziert werden. Von den 900 Produkten, die bei der Internationalen Krebsforschungsagentur zur Untersuchung eingereicht werden (normalerweise von Regierungsorganisationen, medizinischen Vereinigungen oder Verbraucherschutzorganisationen), wurde nur *eine* als nicht krebserregend eingestuft. 95 gelten als Karzinogene der Kategorie 1 (›nachweislich krebserzeugend‹, das heißt, es wurde in epidemiologischen Studien und Tierversuchen ein Kausalzusammenhang nachgewiesen). 307 gehören zur Kategorie 2 (›wahrscheinlich krebserzeugend‹, das heißt, die Tierversuche sind überzeugend, aber es gibt *keine Forschung am Menschen oder anderweitig keine ausreichenden Belege für die Toxizität*). 497 fallen in die Kategorie 3 und gelten als krebsverdächtig (das heißt, dass ihre Wirkung noch nicht ausreichend untersucht wurde, häufig auch deswegen, weil es an den finanziellen Mitteln fehlt).« (Seite 123 f.)

ZU EMPFEHLEN?
Ja. Als Anregung auf jeden Fall. Als Mutmacher mit geringen Einschränkungen – siehe unten. Als Literaturverzeichnis sicherlich nur bedingt, aber immerhin ein umfangreicher Ansatz.

NOCH WAS?
Bei mir wurde kein Krebs diagnostiziert. Wäre dem so, hätte ich das Buch als positiv und hilfreich empfunden, mich mit der Thematik auseinanderzusetzen; so war es dennoch immerhin positiv. Und es kommt selten vor, dass ich den aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten auf der Buchrückseite zustimme. Da steht u. a. »Ein wichtiges, ein aufrüttelndes Buch.« Und: »Endlich ein Krebs-Sachbuch, das aufklärt und Mut macht.«
Unter diesen Gesichtspunkten und nach der Lektüre des Buches muss die Tatsache, dass die Autorenvita – ganz am Anfang des Buches – mit dem Satz »Im Juli 2011 erlag David Servan-Schreiber einem Hirntumor« endet, einem ganz besonders ausgeprägten Arschloch zu verdanken sein.