Monschauer Zwiespalt

Corinna Griesbach (Hrsg.)
HALLER VERSION ZWEI: VERWANDLUNG
Off-Texte und -Bilder.
Monschau, 2010, ca. 130 x 205 mm, Broschur, 124 Seiten, ISSN 1869-4624, 4,00 EUR

Etwas dicker ist er geworden, der HALLER, und der Umschlag ist farbig, wenn auch sehr dezent, bläulich. Die Bilder – auch im Inneren – stammen von Kai Savelsberg.
Der HALLER sieht sich nach den Worten der Herausgeberin nicht als Frauenliteraturzeitschrift. Das ist okay, die Bilder immerhin stammten bislang von Männern. Aber auch im zweiten HALLER sind es allesamt Damen, die die Texte liefern. Schelm, wer Böses dabei denkt.
Das Thema der zweiten Nummer war »Verwandlung«. Im Singular. In ihrem Vorwort geht die Herausgeberin auf »Das Erleben des Tieres« ein und liefert damit eine Vorgabe für den kleinen Band, damit der Leser nicht ganz im Finsteren wandeln muss.

Alice F. Gelmas »Radikalkur« funktioniert nach dem Prinzip »Was die Natur vereinte, soll der Mensch nicht trennen«. Dabei geht die Protagonistin mit der Natur eine Verbindung ein, wobei nicht ganz klar ist, ob es eine Symbiose sein soll – oder nur die Rettung. Denn Eva, die Protagonistin eben, ist nicht gesund. Eine gefühlvolle Geschichte, der Plot voraussehbar, aber angenehm.
Bei Shanna Liebls »Katzenmutti« werden empfindsamere Gemüter vielleicht überlegen, ob so eine Geschichte in Zeiten des beständig von der Journaille wiedergekäuten Kinds- und Jugendlichenmissbrauchsvorwurfs wirklich gut platziert ist, aber bitte schön: Die Story ist eindeutig Horror, und da gehört sich dann schon mal die eine oder andere Kerbe neben der Political-Correctness-Schiene reingehackt. Allzu schlimm treibt Shanna es eh nicht, keine Bange. Und für mich ist die recht schnucklige Story nur ein Argument mehr, warum ich Katzen nicht leiden kann.
In Margret Kricheldorfs »180 Grad« geht es nicht um menschliche Verwandlung in ein Tier oder umgekehrt, sondern um die Verwandlung einer Entscheidung – von der einen Richtung in die andere. Der Plot ist so simpel wie wirkungsvoll. Es ist überraschend, wie nett zu lesen es sein kann, dass sich eine Frau einfach mal dazu entscheidet, auf das zu pfeifen, was andere von ihr wollen. In Zeiten, in denen eine Eva Herman Bestseller schreibt, ist das selten genug.
Alice F. Gelmas »Karnickel« ist eine simple Slapstickstory. Mann verwandelt sich in Kaninchen, und weil die Behördenvertreter nicht damit rechnen, geht er stiften – und verloren. Der Brief, den er hinterlässt, macht den eigentlichen Hauptteil der Story aus. Nett. Nicht mehr, nicht weniger.
Saskia Burmeisters »Albino« ist eine wunderschöne, aber höchst ärgerliche Geschichte. Es geht um einen weißen Wolf, einen Einzelgänger, der auf einmal beginnt, sich tagsüber in einen Menschen zu verwandeln, und damit so seine Probleme hat. Zwangsläufig gerät er mit den Menschen aneinander, die alle irgendwo ihre eigenen, aber nicht seine Interessen verfolgen, sieht man von der jungen Frau ab, die ihn bei sich aufnimmt, ihn versucht, hinzupäppeln, ihm die ersten kleinen Fähigkeiten des Menschseins beizubringen und die sich natürlich – im Übrigen auf Gegenseitigkeit beruhend – in ihn verliebt. Eine wirklich schöne Geschichte, wäre da nicht der allerletzte Satz, bei dessen Lektüre man sich nicht nur unwillkürlich fragt, warum die Autorin ums Verrecken vor der Fertigstellung offensichtlich ihren Drogendealer wechseln musste, und warum die Herausgeberin nicht eingeschritten ist. Dieser allerletzte Satz ist so bodenlos dumm, dass er die ganze Geschichte, die mir wirklich herausragend gefallen hat, vollständig, endgültig und unwiderruflich versaut, auf die schlimmstmögliche Weise, die man sich vorstellen kann. Frau Burmeister, das war: DÄMLICH!
Magdalena Eckers »Im Zeichen der Bestie« wird als »Aras Zyklus Teil 1« untertitelt, ohne dass hierzu weitere Informationen vermittelt werden. Protagonisten sind die beiden Mädchen Lunis und Lilith, die aus der Menschenstadt Jarigo geflohen sind, nachdem ihre Mutter gefangen genommen wurde. Sie geraten in Kontakt mit Arasmenschen, Wolfsmenschen, und Lunis lernt erstmals ihren Vater kennen, dem sie zu verdanken hat, dass sie die Wolfsmenschen auch verstehen kann. Eine typische Fantasygeschichte, nicht schlecht geschrieben, aber halt erkennbar ein Teil eines größeren Werkes, was ich an der Stelle des HALLER eher unpassend finde. Aber gut – Entscheidung der Herausgeberin.
Eine sogenannte »Rezension« – ich würde es als »Erwähnung« bezeichnen – zu Regina Schlehecks »Klappe zu, Balg tot« (im HALLER ohne Komma) sowie die leider nicht sehr homogen wirkenden Autorinneninfos und die Infos zum Bilderlieferanten bilden den Abschluss des zweiten HALLER.

Nun gut, man merkt wohl, dass ich nicht vollends begeistert bin. Und richtig. Die Texte sind gut, ohne Zweifel, sieht man von dem Burmeisterschen Bockmist ab, aber genau der verhagelt im Grunde nachhaltig die ganze Stimmung in Bezug auf das Büchlein.
Das Layout hat ein wenig nachgelassen. Noch immer sind Titel und Autorenname in Kursivschrift gehalten; das sieht einfach nicht gut aus. Überhaupt empfehle ich dringend, die Verwendung von Schriften zu überdenken; Kursivschrift hat in einem Inhaltsverzeichnis nichts zu suchen, und einzelne Elemente in den Autorinneninfos durch eine andere Schriftart, statt wie sonst durch Fettschrift (hier wäre Kursive angebracht gewesen) hervorzuheben, macht den Betrachter nervös und ruft unangenehme Assoziationen sich anbahnenden Durcheinanders hervor. Noch schlimmer ist der gestrichelte Rahmen außen herum; der ist schlicht schief. Wenn das ein Druckereifehler war: Drucker töten. Wenn das Absicht war: Layouter töten. Das ist schwer störend.
Und dann gibt es da noch so ein paar Kleinigkeiten.
War das Layout im ersten HALLER noch erfrischend, zeugt es jetzt eher davon, dass hier jemand zugange ist, der nicht neue Ideen ausprobieren will, sondern der überhaupt erst dabei ist, zu erlernen, wie man Layoutideen umsetzt. Nicht gut, nicht gut.

Ansonsten gäbe es trotzdem vier von fünf Sternen. Vor der Lektüre des letzten Burmeister-Satzes warne ich dringend; schafft Leser es, diesen Satz wirklich zu ignorieren, dann hat er hier eine Zusammenstellung hübscher, feiner Texte mit netten Ideen. Nichts davon wird einen Preis gewinnen, fürchte ich, aber als Zeitverschwendung musste ich die Lektüre auch nicht abstempeln. Und für ein Literaturzeitschriftenprojekt mit erkennbar fantastischer Tendenz sollte man in diesem unserem Lande doppelt froh sein. Zu wünschen wäre allenfalls, dass auch mal Männer zum Zuge kommen; ich bin sicher, dass das nicht an der Herausgeberin liegt, sondern an den faulen Säcken in diesem Land, die lieber mit ihren Heranwachsenden auf zweifelhaften Internetseiten surfen oder auf der Wii zocken.

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