Keine Werbung für die Sprache

Stelle ich mir vor, jemand aus der zweifelhaften Riege deutscher Werbefachleute würde einen Werbespot für die deutsche Sprache machen, packt mich gleich beim zweiten gedanklichen Ansatz eher das kalte Grausen. Wie das wohl aussehen würde? Ein Spot mit hübschen Bildern, hübschen Menschen, die Bücher großer deutscher Klassiker lesen – Goethe, Schiller, Mann, Grass, Böll – und in einem weisen Text wird herausgestellt, welche Bedeutung die deutsche Sprache für den deutschen Teil der Menschheit – jedenfalls den, der noch Deutsch kennt und spricht – besitzt, und wenn man sich dann angenehm berührt und von Ehrfurcht und Demut erfüllt zurücklehnt, kommt der Slogan: »So speak more German, friend!« Oder: »German is an attitude«, »straight to the soul of German«. Und nächste Woche bietet Dyson dann den »Wireless Deutsch-Concealer« an …
An den Haaren herbeigezogen?
Ich will es schwer hoffen. Ich bete inständig dafür.
Hoffnungsvoll bin ich indes nicht mehr. Eher im Gegenteil.

Gestern habe ich mir auf RTL das letzte Formel-1-Qualifying angeschaut, das RTL jemals übertragen wird – ab 2021 gibt es die Formel 1 im Fernsehen nur noch bei Sky –, und dabei habe ich mir mal notiert, was in einem der Werbeblöcke so vor sich ging. Vorab gebe ich zu: Die Mischung war noch verhältnismäßig harmlos; ich hatte auf RTL und auf NITRO schon das absolut zweifelhafte Vergnügen einer ganz anderen Mischung, bei der ich mich fragen musste, ob beim Brexit irgendwas mit der eingeschlagenen Himmelsrichtung falsch gelaufen ist.

Und das ging da ab:

  • Sky du Mont wirbt immer noch beinhart für die »Edlen Tropfen in Nuss«, und er tut es in purem Deutsch. Das erfreut gleich zu Anfang erst einmal, zumal ich mir nicht vorstellen könnte, wo da ein Angliwahnismus unterzubringen wäre. »Noble drops in nuts« würde mich zu der Frage verleiten, die auf dem Lautstärkeregler des Verstärkers stand, den Macaulay Culkin in Michael Jacksons »Black or White«-Video bis zum Anschlag aufdrehte: »Are you nuts?« Aber Sky du Mont, der beinharte Cayetano Neven du Mont, macht es auf Deutsch, und das ist gut so.
  • Auch die Linola Hautmilch bleibt sprachlich in unserem Lande, was bei einer Hautmilch auch durchaus naheliegend ist. Ein solches Produkt ist für einen englischen Slogan einfach nicht hip … Haitel! … genug, und alles, was im Englischen mit Gesundheit, also »health« zu tun hat, ist für nicht wenige Deutsche dann halt doch ein »Thungenbrecher«.
  • Dass Audi seinen Slogan »Vorsprung durch Technik« nicht flächendeckend verwendet, erwähnte ich schon in einem anderen Beitrag. Für seine e-tron-Modelle hat die Geschäftsleitung des Herstellers seine Marketingfuzzis offensichtlich mit feuchten Fingern in die Steckdose fassen lassen: »Future is an attitude« ist dabei herausgekommen, und ich finde »This Saying is Bullshit« eine adäquate Antwort darauf.
  • »Seats & Sofas« ist ein Anbieter von »Sitzen und Sofas«, so legt es jedenfalls der Name nahe. Was dabei die »Sitze« sein sollen, wird nicht klar, denn es werden grundsätzlich nur Sofas gezeigt. Vielleicht möchte man Autositze anbieten? Flugzeugsitze? Schleudersitze? Die Werbespot des Vereins strotzen jedenfalls von denglischem Mischmasch und unterstellen auch noch, wenn man heute bestelle, könne man heute Abend schon drauf sitzen. Das möchte ich als Besteller in Nordfriesland dann schon mal gerne sehen – und irgendwie ist da das Ding mit dem Schleudersitz doch irgendwie naheliegend, weil dann wohl der schnellste Transportweg.
  • Auch T-Mobile muss ja einen englischen Namen haben, aber an den haben wir uns schon ewig gewöhnt. Die Werbung macht einen sprachlich guten Eindruck, ist sie doch deutsch – meist jedenfalls –, aber damit das nicht etwa zum Nachteil gereicht, dudelt im Hintergrund ein englischer Song.
  • DeLonghi bewirbt eine Kaffeemaschine, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe – er war auch nicht annähernd deutsch klingend –, weil mich der Slogan »Straight to the Soul of Coffee« dann beinahe zu einem Aufschrei veranlasste. Was glauben diese Werbefuzzis eigentlich, was sie da rauchen? Kuhfladen? Autobahnasphalt? Oder das vertrocknete Gehirn ihres Kollegen? Und dann versuche ich mir eine Geschäftsleitung vorzustellen, die schon einen bodenlosen Schwachsinn für ihre Produktwerbung zulässt. Wollen die mir eine Kaffeemaschine verkaufen oder mich verarschen?
  • Die Firma Meica indes besinnt sich darauf, dass es dämlich wäre, für die Würstchen namens Deutschländer in Englisch zu werben. Fein gemacht, Leute, ganz fein. Dafür eins rauf mit Mappe und Sternchen.
  • Amazon ist seine anglikanisierte Werbung für sein Prime Video zu verzeihen. Erstens ist das ein amerikanischer Laden – woher sollten sie es also auch besser wissen? – und zum zweiten ist deren einziger deutscher Slogan »Was wir falsch machen, ist richtig!« Passt doch also.
  • Volkswagen ist wohl der tapferste Teil des Autokonzerns, auch wenn nicht alle Fahrzeugmodelle mit dem VW-Logo einen deutschen Namen haben. Eigentlich sind der Golf, der Passat und der Polo recht einsam, aber immerhin achtet man bei Volkswagen auf klangliche angenehme Namen. Und auch der aktuell beworbene Caddy wird immerhin nicht englisch mit dem Spruch »Ready for whatever is coming« beworben, wie Audi das vermutlich tun würde, sondern mit dem, was man beim Kauf eines solchen Wagens erwartet: »Bereit für alles, was kommt«.
  • Wenn man verstehen möchte, warum Iglu seine vegetarischen Produkte in einer Linie namens »Green Cuisine« vermarktet – darunter vegetarische Hackbällchen, Lasagne etc. –, dann muss man sich ein wenig verbiegen. Als Fleisch verzehrender Mensch, wenn mir dergleichen angeboten wird – worüber meine Gattin zu entscheiden pflegt –, bin ich mit der Benennung durchaus zufrieden, denn ich mag das Zeug auch mit einem deutschen Namen nicht fressen.
  • Wick ist ein Hersteller, den auch die Älteren unter uns aus ihrer Kindheit kennen: Wick Vaporub, diese mentholige Supersalbe, für die man schon krank werden mochte, nur damit Mama sie einem auf die Brust schmiert … Hach, Erinnerungen! Aber schon Vaporub war eine eher zweifelhafte Bezeichnung, was die deutsche Sprache angeht, und bei einem der aktuellen Produkte namens »DayNait« muss man sich fragen, ob es nicht wenigstens »DayNight« hätte sein dürfen, damit man nicht noch auf die Idee kommt, in der Werbeabteilung von Procter & Gamble säßen Legosteiniker.
  • Lu ist eine Firma, die wir alle von der Prinzenrolle kennen, und dass das aktuelle Bäckereiprogramm mit einem französischen Akzent beworben wird, ist ja noch kein Verbrechen. Es gibt genug Deutsche, die kein richtiges Deutsch sprachen. Schwaben zum Beispiel …
  • Meister Proper war mal ein urdeutsches Produkt, vertreten von einem blond beglatzten, blauäugigen Hünen, der heute noch für die Marke steht. Aber offensichtlich hat man seine Gene verwässert, denn seine Produkte haben heute »Ultra Power«, um so sauber zu putzen, »dass man sich drin spiegeln kann«.
  • Dass Kosmetikhersteller einen Knall und einen Schatten haben, ist vermutlich jedem klar. Anders erklären sich die mitunter sinnfreien Werbespots ebenso wenig wie Produktnamen à la »Perfect Match« für einen Artikel wie den »Augenpflege-Concealer«. Wobei ich den »Concealer« in der Werbung unheimlich gerne als »Verheimlicher« oder »Verschweiger« bezeichnet gesehen hätte. »Augenpflege-Verschweiger« … pah!
  • Am Ende protzt dann noch 1+1 mit seiner »All-Net-Flat«, die trotz ordentlicher Verwendung von Bindestrichen – die heute kaum noch jemand kennt und meist als Minuszeichen diffamiert – eine Mogelpackung ist, weil man mit ihr durchaus nicht alle Netze flach kriegt: Fischernetze, Haarnetze, Beziehungsnetze bis hin zu Seilschaften … alles nicht drin.
  • Da lobe ich mir dann doch Krombacher, die ihre Biere als »Eine Perle der Natur« vermarkten – was sie übrigens auch durchaus sind –, während die Molkerei Müller ihr neues Joghurt nicht »Müller Natur«, sondern »Müller Nature« nennt, vermutlich, weil bei der Aussprache des »tsch« in »Nature« die Joghutspritzer so schön fliegen und man damit die Ausbreitung von Coronaviren simulieren kann. Ein ganz aktuelles Seuchenprodukt also.
  • Darauf dann noch einen »Axe Moodbooster«, ihr Spacken: Ins Ohr sprühen, Feuerzeug dran halten, dann hat es wenigstens einen erklärbaren Grund, das alles.

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