Rückkehr zum Desinteresse

Roberto Saviano
DAS GEGENTEIL VON TOD
Il contrario della morte. Ritorno da Kabul; Ragazzi di coca e di camorra
Carl Hanser Verlag, München, 2009, 71 Seiten, ISBN 978 3 446 3335 5

Savianos zweites Buch, das, für das er den Geschwister-Scholl-Preis 2009 erhielt, ist anders. Eigentlich hatte ich eine Art Fortsetzung zu »Gomorrha« erwartet, möglicherweise ist es das auch. Der Band, der hier als Hardcover mit nur 71 Seiten Umfang vorliegt, ist zu dünn, um »Gomorrha« wirklich fortzuführen. Und Saviano hat das auch nur indirekt getan.

»Das Gegenteil von Tod« enthält zwei Geschichten. Diesmal wirkliche Prosa. »Das Gegenteil von Tod« handelt von einer Frau namens Maria, eigentlich von einem Mädchen, denn als Roberto Saviano als Ich-Erzähler mit ihr gesprochen hat, ist sie siebzehn Jahre alt. Und Witwe. Die jungen Männer aus der Gegend, aus der auch Saviano stammt, in der quasi auch »Gomorrha« »spielt«, Neapel, Kampanien, Süditalien, die jungen Männer von dort gehen nach Afghanistan. Und wenn sie zurückkehren, sind sie gesund, aber krank. Sie sind zerstört. Sie sind vielleicht tot. Wie Gaetano, Marias Mann, der ihr Mann nicht werden konnte, weil sie nicht heiraten konnten, bevor er nach Afghanistan ging, wo er starb. Die jungen Männer aus dieser Gegend, aus der auch Saviano stammt, gehen nach Afghanistan, um Geld zu verdienen. Und Marias Mann Gaetano, der er nicht war, wollte das Geld verdienen, das er brauchte, um Maria heiraten zu können.
Die Geschichte handelt vom Kennenlernen, vom Festhalten an Erinnerungen und von Liebe. Vom Kennenlernen Gaetanos, mit dem Maria sich immer noch auseinanderzusetzen versucht, vom Festhalten an den wenigen Erinnerungen, die sie an ihn hat. Und von Liebe – dem Gegenteil von Tod.
Es ist schwer, zu beschreiben, was diese Geschichte im Leser anrichtet. Savianos Schreibstil hat sich gegenüber »Gomorrha« nicht wirklich verändert. Die Geschichte wirkt anders, weil sie nicht wie »Gomorrha« mit Fakten vollgepumpt ist. Aber es ist schwer zu beschreiben. Vielleicht: Man möchte heulen, wenn man darüber nachdenkt. Ich habe es getan.

»Der Ring« handelt letztlich von der Unmöglichkeit, einem Menschen, der nicht aus dieser Gegend stammt, zu vermitteln, was dort vor sich geht. Insofern handelt es sich um eine Rückkehr zu »Gomorrha«, zu meinem Gefühl der Unfähigkeit, zu verstehen, wie man dort existiert. Wenn man existiert. Saviano schildert, was geschah, als er erstmals ein Mädchen aus dem Norden mit in seinen Heimatort nahm. Ihre Eindrücke. Wie er sie mit einem geliehenen Ring zu schützen versuchte. Und dass er nicht erklären kann, dass Vincenzo und Giuseppe keine Partisanen waren und daß sie nicht als Partisanen starben, sondern weil zwei Killer einen Auftrag auszuführen hatten und diesen ausführen mussten, egal, wer letztlich starb. Jemand musste sterben. Und niemand kann das wirklich verstehen, der nicht von dort ist.

Ich habe überlegt, wieso Saviano für dieses Büchlein einen Preis bekommen hat. Ich habe dies vor der Lektüre überlegt, wohlgemerkt.
Jetzt weiß ich es. Das Buch, so dünn es ist, enthält alles, was zu sagen ist. Mehr wäre Geschwafel. Es macht todtraurig und stinkwütend. Es gibt nicht mehr zu sagen. Saviano hat es getan, er hat nicht mehr gesagt, und auch wenn man sich als Otto Normalverbraucher fragen mag, wieso man für ein 71-Seiten-Büchlein 10 Euro bezahlen soll: Saviano hat den Preis zu Recht erhalten.
Ich muss zu meinem Desinteresse gegenüber solchen Themen zurückkehren. Die beiden Saviano-Bücher haben mir gefallen, beim Lesen. Aber ich will sie nicht noch einmal lesen müssen. Ich will so was überhaupt nicht mehr lesen müssen. Ich will die Augen verschließen können, damit mich das nicht interessieren muss. Ich will so was nicht wissen müssen. Es tut mir nicht gut, zu wissen, dass etwas so ist, wie es ist, wenn es so ist, wie Saviano es beschreibt. Ich kann damit nicht umgehen. Und ich will es nicht lernen müssen.