Desillusionierende Erschütterungen

Roberto Saviano
GOMORRHA. REISE IN DAS REICH DER CAMORRA
Viaggio nell‘ impero economic e nel sogno di dominio della camorra
dtv 34529, September 2009 (5. Auflage), 365 Seiten, ISBN 978 3 423 34529 3

Das ist eigentlich überhaupt nicht mein Ding. Camorra, Mafia, ‘Ndrangheta. Themen aus diesem Umfeld interessieren mich eigentlich nicht. Es macht keinen Unterschied, ob es russische, chinesische, italienische oder nigerianische Verbrechersyndikate sind, um die es geht. Ich weiß, dass es mich nicht interessiert. Nicht als Film – Mafiafilme empfinde ich als schmerzhaft und anstrengend, es gibt keine witzigen Geschichten aus diesem Metier, und es gibt keine witzig erzählten traurigen Geschichten –, nicht als Buch, nicht irgendwie. Es interessiert mich schon deshalb nicht, weil ich mich selbst schützen muss. Nicht vor diesen Organisationen – oder doch, auch. Aber vor meiner eigenen Ohnmacht, mit ansehen, mit anhören, lesen zu müssen, was da vor sich geht, und überhaupt nichts tun zu können. Ich hasse Ungerechtigkeiten und ich bewundere Menschen, die sich gegen solche Organisationen auflehnen, gegen sie angehen, wohl wissend, dass es sie das Leben kosten kann, besser wissend, dass es sie das Leben kosten wird. Für mich wäre es Selbstmord, und ich weiß, dass ich mich nicht dagegen wehren könnte, und ich kann für mich Selbstmord nicht für möglich halten.
Und deshalb interessieren mich solche Dinge nicht. Eigentlich.

Der Auslöser, dieses Buch zu lesen, war die Preisverleihung des Geschwister-Scholl-Preises 2009 am 16.11. an Roberto Saviano (wenn auch für sein Nachfolgebuch »Das Gegenteil von Tod«). Ich habe es auf B5 Aktuell gehört, nebenbei in der Tagesschau gesehen. Gehört, dass Saviano aufgrund seiner Bücher unter ständiger Bewachung lebt, um sein Leben fürchten muß. Aus einem nicht wirklich erklärlichen Grund entschied ich, seine beiden Bücher zu lesen.
Es hat sich für mich nichts geändert. Diese Themen interessieren mich nicht. Dank der Lektüre des »Gomorrha« weiß ich jetzt noch genauer, warum das so ist und so sein muss. Und so bleiben wird.
Das Buch ist eine Mischung aus Sachbuch und Prosa. Man kann keine Trennlinie ziehen. Saviano packt seine Fakten zwischen seine Prosa, sodass sie sich untrennbar miteinander verbinden. Seine Erzählungen und Fakten stammen aus der Neuzeit. Es sind keine Geschichten aus den 30er, 40er Jahren des 20. Jahrhunderts. Keine Geschichten über Al Capone und all die anderen »großen« Mafiosi. Es sind Geschichten und Fakten aus der zweiten Hälfte der 90er, aus der Zeit seit der Jahrtausendwende. Es geht um aktuelle Ereignisse, um Camorra-Kriege, die noch in Erinnerung sind – oder eben auch nicht –, um Ermittlungen und große Aktionen der italienischen Behörden aus 2003, 2004, 2006, von gestern.
Das Buch desillusioniert gnadenlos. Auf zweierlei Gebieten.
Das Bild des Otto Normalverbrauchers von der Camorra und anderen Organisationen dieser Art ist auf einer Weise verklärt, die erschreckend ist, wenn man dieses Buch liest. Die Camorra – um nun bei ihr zu bleiben; die anderen Organisationen sind anders und doch gleich – ist nicht die brutale, gewalttätige Truppe, die Menschen auf seltsame und bestialische Weise tötet, die Politiker besticht, Staatsanwälte und Richter tötet und mehr oder weniger offensichtlich Fäden zieht. Sie ist all das – und dazu noch ein kaum vorstellbares Wirtschaftsimperium. Glaubt man Savianos Schilderungen – und ich hatte nicht einen Augenblick Grund, es nicht zu tun –, dann gibt es Gegenden in Italien, in denen Menschen nur deshalb Arbeit finden, weil es die Camorra gibt, und weil es die Camorra gibt, sind es nur solche Arbeiten, die es dort gibt.
Saviano geht detailliert auf die Rolle der Camorra in der Textilindustrie ein. Nicht in der Textilindustrie, in der T-Shirts, Socken und Jeans produziert werden. Er geht auf die Rolle der Camorra in der Haute Couture ein, in dem Teil der Modebranche, der im Blitzlichtgewitter der Fotografen Models über Laufstege laufen lässt, die Namen von Modeschöpfern zu Marken hat werden lassen. Er geht mit seinen Schilderungen praktisch direkt auf die Antwort ein, die man auf die Frage bekommt, wer sich solche Mode eigentlich leisten kann. Die Antwort lautet letztlich: jeder. Im Grunde jeder. Dank der Camorra findet diese Mode überhaupt Verbreitung. Überall. Weltweit. In einem riesigen Netzwerk, das weit über Italien hinausgeht. Bis nach China. Nach Deutschland. In die USA. Sonst wohin. Mit Neapel im Mittelpunkt.
Saviano beschäftigt sich auch ausführlich mit Auseinandersetzungen in der Camorra. Mit den Entwicklungen, die die Familien mitmachen. Wie sie nach oben kommen, oben sind, Macht ausüben, Geld verdienen – das ist überhaupt die Hauptsache: unglaublich viel Geld zu verdienen –, Macht verlieren, untergehen, anderen Familien Platz machen. Die Familien sind – im Gegensatz zur Mafia – eher Interessengemeinschaften, mit einer Familie in der Mitte. Er nennt Namen, Details, mehr, als man als Otto N. beim ersten und vermutlich jedem weiteren Lesen wirklich verstehen kann. Man müsste jeden Namen recherchieren. Was er wirklich bedeutete. Aber das ist letztlich unerheblich.
Neben der Rolle in der Textilindustrie spielt die Camorra in allen möglichen anderen Wirtschaftsbereichen eine Rolle. Der zweite dieser Bereiche, auf den Saviano detailliert eingeht, ist die Abfallwirtschaft. Die Camorra ist nach seinen Schilderungen – und noch immer ist kein Platz für Zweifel – im Grunde der größte Abfallentsorger Europas, wenn nicht gar weltweit. Süditalien ist landstrichweise eine einzige gigantische Müllkippe, ein Hort von Giften, von tödlichen Mixturen, die dort und letztlich – mindestens – europaweit die Menschen langsam, aber sicher töten. Es sind nicht nur Müllkippen, die dort zu finden sind, oft unter der Erde. Es sind brennende Müllkippen, die Dioxin und andere Gifte in die Atmosphäre entlassen. Es sind Unmengen von Komposterde, die mit giftstoffbelasteter Erde vermischt wird, bevor sie auf den Markt kommt. Es sind –

Während man das Buch liest, verliert man schnell die alte Illusion einer Camorra, deren Mitglieder wie die Mafiosi und Camorristi aus amerikanischen Filmen sind. Diese Filme sind allesamt Lug und Trug. Das merkt man nach dem ersten Kapitel, das weiß man nach dem zweiten Kapitel – und nach dem dritten Kapitel fragt man sich ernsthaft, wie man jemals so dämlich sein konnte, einen Film-Al-Capone auch nur ansatzweise für real zu halten. (Obwohl er es vermutlich war.)
Es geht um Geld. Es geht um Macht, um mehr Geld zu verdienen. Die Methoden, die Macht zu erhalten, sind brutal und gewalttätig. Aber sie sind es nicht so, wie man sich das aus Filmen vorstellt. Und letztlich doch. Denn – und ich scheue mich, hier »witzigerweise« zu schreiben – ist es so, dass die Camorristi der realen Welt Gewohnheiten, Macken, Körperhaltungen, Angebereien, Redensarten aus den amerikanischen Filmen angenommen haben und diesen Filmen damit quasi nachträglich eine Existenzberechtigung verschaffen. (Am prägnantesten Savianos Erwähnung dieser jämmerlich unprofessionellen Art, mit schräg oder waagerecht gehaltener Pistole zu schießen, was schreckliche Auswirkungen hat.)
Savianos Buch ist desillusionierend. Manchen Leser vermag es vielleicht sogar zu erschüttern. Sein Schreibstil ist trocken, nüchtern, hart, eckig. Es ist Prosa, ja, aber keine Prosa, wie man sie bei diesem Begriff erwarten würde. Es ist nichts wirklich Schönes darin enthalten, das verbietet der Stoff. Gnadenlos. Seine Sätze sind manchmal lang, verschachtelt. Oft kurz, knackig. Solche Sätze, in denen das Subjekt-Prädikat-Objekt-Ding nicht funktioniert. Manchmal nur ein Wort. Die Dinge, über die er schreibt, sind nicht schön. Und Saviano hat nicht versucht, etwas zu beschönigen.
Während der Lektüre habe ich öfter überlegt, warum ein Autor wie Saviano wegen solcher geschriebenen Worte mit dem Tode bedroht wird. Im Grunde enthüllt er keine Fakten, die die Welt nicht kennen könnte, wenn sie sich überhaupt dafür interessiert. Meint man. Im Grunde erhebt er nur ganz selten direkte Vorwürfe an die Adresse der Camorra. Meint man. Vielleicht hat das getäuscht. Vielleicht war das Savianos Trick. Vielleicht ist die Camorra neben ihrem »Geschäftssinn« und ihrem »militaristischen Gehabe« auch nur rachsüchtig. Keine Ahnung. Es spielt auch keine Rolle, warum Saviano gefährlich lebt. Es ist so.
Das Buch ist packend. Es ist nicht so brutal wie die Welt, die es beschreibt. Aber es gibt einen guten Eindruck davon, wie diese Welt ist. Man hat als Otto N. keine Möglichkeit, sich wirklich vorzustellen, wie es ist, so zu leben, in so einer Umgebung, in so einer Situation, in so einem Leben. Es gibt keine Chance. Selbst nach der Lektüre, bei der man alles verstanden hat, was dort steht, selbst nach dem Verlust jeglicher und auch der allerletzten Illusion, selbst während ich noch einmal darüber nachdenke, während ich dies hier schreibe, selbst dann. Ich habe keine Möglichkeit, mir das vorzustellen.
Und zum Glück muss ich das nicht. Weil es mich ja nicht interessiert.