Urlaubsroutine im Gespensterwald

Tagebuch eines Ostseeurlaubs, 07.10.2011

Fast scheint es, als würde sich Routine einschleichen. Urlaubsroutine. Aufstehen, Frühstück, raus und los.
Diesmal ins Ostseebad Nienhagen. Der kleine Ort ist eigentlich fast uninteressant. Ziemlich farblos, langweilig, steril. Die Ferienhäuser alle sauber, ordentlich, typisch deutsch (bitte Zeige- und Mittelfinger senkrecht unter die Nase halten), meist in Weiß oder Weiß und Blau, ordentliche Straßen, saubere Autos, nichts Auffälliges.
Wir gingen an der Steilküste entlang, durch den Geisterwald – der im Spätherbst nach dem Verlust seiner Blätter sicher noch viel geisterhafter aussehen wird –, bis zur Ortsmitte, dort hinunter zum Strand. Der war dank der nicht ganz klaren Wetterlage – Wind, häufig Sonne, aber auch Wolken und leichter Regen – fast leer war. Und Kim bekam wieder ihren Auslauf, der ihr sichtlich gefiel. (Ich gewöhne mich langsam an den Anblick des freilaufenden Hundes, und auch daran, dass sie uns gegenüber sehr viel aufmerksamer ist, wenn sie ohne Leine läuft; an der Leine ist ihre Aufmerksamkeit ein nahezu unerreichbares Gut.) Zum allerersten Mal zeigte sie auch Anwandlungen, mit einem anderen Hund spielen zu wollen, nur kurz, aber immerhin (S. wird es im Hundetagebuch vermerken).

Hysterie ist keine hinreichende Erklärung für die Geräusche eines Autos. Zunehmende Hysterie ist ebenso keine Erklärung für die Zunahme von Autogeräuschen. Mich selbst belasten solche Unwägbarkeiten, lenken mich nicht nur ab, sie stören mich, verderben mir die Laune, den Tag.
Also fuhren wir nach Gägelow (fast eine Stunde lang, nicht zuletzt dank einiger Torfnasen im Straßenverkehr). Dort gibt es einen recht großen Renault-Händler, der sich auch für den ADAC als Pannendienstler betätigt. Und siehe da – nicht nur, dass ich mich bei dem Werkstattmeister, der sich des Wagens und seiner Probleme annehmen wollte, in besten Händen fühlte, er bestätigte auch meine Befürchtungen: Eines der Radlager – welches, müsste man noch genau herausfinden, das Problem befände sich im Frühstadium – sei dabei, seinen Abschied einzureichen; und die rubbelnde Kupplung sei wohl auch fällig.
Mir gefiel der Mann, der erklärte, worum es ging, der sich kurz und bündig mit einem Kostenvoranschlag beschäftigte, statt Hausnummern zu nennen (obwohl mir die auch gereicht hätten; ich fahre seit 1985 Renaults und kenne die Preislagen inzwischen ein bisschen). Er schien überrascht, dass ich die Kupplung ebenfalls gleich reparieren wollte, dass ich dazu keinen Kostenvoranschlag wollte, denn …
Was nutzte es schon? Er meinte zwar, mit dem Radlager könnte ich leicht noch zehntausend Kilometer fahren, aber was wäre, wenn das auf der Heimfahrt vor Ingolstadt als Irrtum herauskäme? Und die Kupplung würde wie lange genau durchhalten? Und was genau würde ich in Geld sparen, wenn ich die Reparatur nicht gleich machen würde? Meine Werkstatt – die noch ordentlich einen auf den Deckel kriegen wird – gibt mir auch keinen Rabatt, nur weil ich ein guter, weil regelmäßiger Kunde bin.
Am Montag um acht Uhr ist jedenfalls Termin. Wir werden uns den Tag mit Wanderungen von dort aus vertreiben, wenn es das Wetter erlaubt; und wenn nicht, dann werden wir uns in ein Bistro im Einkaufszentrum MEZ nebenan hocken, in dem es Schneider Weiße gibt.

Nach dieser für mich erleichternden Klärung der Lage (und der nahen Zukunft) gab es im MEZ ein solches Weißbier, ein paar Versuche, Geld für Klamotten auszugeben – für mich gab es ein paar neue Socken –, und später Richtung Zierow rauf im Futterhaus (www.futterhaus.de) für Kim einen neuen Vorrat Hundefutter in Dosen (unter besonderer Berücksichtigung der darin enthaltenen Zusatzstoffe; Zucker zum Beispiel geht gar nicht), und im Takko nebendran für S. und mich je eine neue »Haushose« (keine echten Jogginghosen, aber so was in der Art, was wir daheim zu tragen pflegen: locker und bequem).

Eine Bemerkung wäre noch angebracht.
Ich lebe nun seit 1982 in Bayern, es hat mir dort eigentlich immer gefallen. In Königsbrunn bei Augsburg, wo ich bis 1991 lebte, letztlich nicht so sehr, weil die dortigen Schwaben nicht mein Fall waren und sind. Später in Pfaffenhofen/Ilm hat es mir sehr gefallen; die Leute waren offen, herzlich, zugänglich – jedenfalls im Vergleich zum restlichen Bayern –, jedenfalls die im normalen Leben; die, die auf Ämtern arbeiteten, waren meistens offensichtlich handverlesene Arschlöcher (bis hinauf zum Landrat). In Peißenberg ging es so; es half mir sehr, einen wundervollen Vermieter zu haben, und auch sonst waren die Leute okay. In Murnau schließlich ist die Landschaft schöner als das Wesen der Menschen, aber … Das Eigentliche ist, dass das, was man den Bayern – vor allem den Oberbayern, die wohl gemeinhin so als die typischsten Bayern angesehen werden – so nachsagt, durchaus stimmt. Sie sind maulfaul, verstockt und unfreundlich; wenn sie nicht vorlaut, angeberisch und hinterfotzig sind.
Hier oben im Norden fühle ich mich anders. Besser. Ich mag den Dialekt mehr als den bayerischen. Ich mag die Art der Leute, wie sie die Welt sehen, lieber als die Sicht der Dinge in Bayern. Die Leute im Süden sagen über die Norddeutschen, sie seien kühl, zurückhaltend und mitunter abweisend. Mag sein – die Bayern übertreffen sie an Herzlichkeit, Freundlichkeit und Nettigkeit um mehrere Längen. Und zwar mit Leichtigkeit. Allein heute bei dem Renault-Händler …
Unbeschreiblich …
Ich war zwischen 1978 und 1982 in Norddeutschland bei der Bundeswehr. Und hätte dort bleiben sollen. Ich war immer wieder in Hamburg. Und hätte dort bleiben sollen. Wenn wir daheim vor der Tagesschau noch was schauen, dann das Hamburg Journal auf dem NDR HH. Und allein die Titelmelodie erfüllt mich mit Wehmut. Ich war 2006 schon einmal in Mecklenburg-Vorpommern. Und ich hätte dort bleiben sollen. Damals erkannte ich, dass ich überhaupt kein Berg-, sondern ein Meermensch bin. Irgendwann im Alter – wenn ich so richtig alt bin, nicht nur so ein bisschen wie jetzt – werde ich mich wohl darüber ärgern, einen Großteil meines Lebens in einer Gegend zugebracht zu haben, die ich eigentlich nicht mochte.
Nie vergessen werde ich eine Begegnung 2006. Ich wanderte von Dorf Mecklenburg nach Bad Kleinen, was mehrere Stunden dauerte. Ich traf während der ganzen Zeit genau einen Menschen: mitten im Wald, an einer Wegkreuzung, buddelte er am Wegesrand ein Loch. Er sagte nur lang gezogen »Moooin«, und ich »Moooin«, und damit hatten wir nicht nur alles ausgetauscht, was es zu sagen gab, nein: Mein Tag war gerettet, ach was, mein Urlaub, ach, Blödsinn … mein Leben!
Und so was geht nur hier im Norden.

(Andererseits … Wenn ich daheim – also dort, wo ich lebe – mit dem Hund spazieren gehe, gibt es einige Stellen zwischen Murnau-Westried und Berggeist, Richtung Murnau gelegen, an denen man einen unvergleichlichen Ausblick über das Murnauer Moos in die Alpen hinein hat. Und dieser Anblick ist abhängig vom Wetter und von der Tageszeit – am Abend ist es am schönsten – immer unvergleichlich. Und der Anblick ist immer schön. Obwohl ohne Meer.)