Ein Mann, ein Loch, vielleicht ein Freund

Wenn ich dies schreibe, ist Pfingstmontag, der 25. Mai. Heute ist er seit fünf Tagen nicht mehr unter uns – ein paar Stunden hin oder her vielleicht. Dr. Martin G. Schmidt, der in der Szene der SF-Fans, Fantastikfans, Horrorfans, der Käufer und Leser zahlloser Bücher aus Klein- und Kleinstverlagen (wie dem meinen) unter dem genialen Künstlernamen Crossvalley Smith aktiv war, ist nicht mehr unter uns. Ich kenne die genauen Umstände nicht, die Vorgeschichte nur bruchstückhaft, aber es macht keinen Unterschied: Er ist nicht mehr da, und ich weiß, alles, was ich dazu noch erfahren könnte, würde es weder leichter noch schwerer machen, denn noch schwerer kann es nicht werden …

An den ersten Kontakt kann ich mich nicht mehr erinnern. Das erste Buch, das ich mit einem seiner Titelbilder verlegt habe, war, glaube ich, Frank W. Haubolds »Die Sternentänzerin«. Ob Frank das Titelbild beibrachte, weiß ich nicht mehr. Es ist auch gleichgültig.
Für meinen kleinen Verlag p.machinery hat Crossvalley Smith nie die Rolle gespielt wie z. B. für Fabylon und die Projekte der Alisha Bionda – da ging viel mehr. Und trotzdem: Martin hat auf Anfragen immer geantwortet, und auch, wenn ich oft schon längst erschaffene Bilder für ein Cover in Erwägung zog, hat er Varianten davon angefertigt und angeboten. Und immer wieder kam er von sich aus mit der Idee, irgendwo eines seiner Bilder zu verwenden, und hier vor allem in den ANDROMEDA NACHRICHTEN des SFCD; zuletzt gab es ein schönes perry-rhodan-lastiges Titelbild für die ANDROMEDA NACHRICHTEN 249 die bis Anfang Juli 2015 noch die aktuelle Ausgabe darstellen werden.
Irgendwann hatten wir kurz über einen denkbaren Bildband gemailt, aber nachdem hier noch zwei SF-Bildbände »herumliegen«, die ich noch nicht fertigstellen konnte, hatte das Projekt eine niedrige Priorität. Wie dumm, denke ich heute …

Ich hatte nicht viel Mailkontakt mit ihm. Immer wenn es etwas zu besprechen gab, haben wir das über E-Mails abgewickelt. Immer sehr freundlich, sehr zuvorkommend, sehr direkt, ohne viel Geschnörkel, ohne Drumherum, sehr professionell. Ich habe mich immer gefreut, wenn wir mailen konnten, weil ich wusste, dass am Ende eines seiner wundervollen Bilder auf meinem Server landen und vielleicht einen Buchtitel zieren würde. Ich liebte und liebe seine roten Bilder. Dieses Rot in diesen Bildern ist unvergleichlich. Lothar Bauer, der Grafiker, den ich von allen am allermeisten schätze (und niemand sollte sich deshalb zurückgesetzt fühlen), hat das nicht annähernd so drauf. Sein Rot ist ein anderes Rot, es ist ein Lothar-Bauer-Rot, während das Crossvalley-Smith-Rot eben ein Crossvalley-Smith-Rot war und ist. Unvergleichlich. Wundervoll. Die Augen magnetisch anziehend.

2013 war es, glaube ich, als ich im Sommer Gelegenheit hatte, ihn persönlich kennenzulernen. Meine Frau hatte ein Hundetrainerseminar in der Gegend von Siegen gebucht, und ich hatte die spontane Idee, mitzufahren und Martin zu besuchen. Auch hier lief das Ganze völlig unkompliziert – es gab keine Terminprobleme, keine Frage, ob oder ob doch nicht, nichts dergleichen.
Seine Schwester organisierte die Teilnahme an einer Werksführung von Krombacher, was für mich als passioniertem Biertrinker in mehr als einer Beziehung ausgesprochen reizvoll war. Wir verbrachten eine schöne, informative, sehr angenehme Zeit beim Krombacher.
Und abends gingen wir gemeinsam – mit Frau und Hund (Kim; Naomi gab es damals noch nicht) – zum Abendessen.

Martin erscheint mir im Rückblick eher wie der Wissenschaftler, der er auch war. Sein Auftreten war nüchtern, sachlich, nicht fantasielos, aber auch nicht wie das Auftreten eines Menschen, der geistig und emotional ständig in anderen, höheren Sphären schwebt. Allein seine Wohnung erzählte andere Dinge: Bilder mit einschlägigen Motiven, Modelle, Modelle, Bilder, Modelle, natürlich auch Bücher, es war alles da, das unzweifelhaft die Identifikation als SF-Fans, als Fan des »Draußen«, des »Umunsherum« ermöglichte, nein … erzwang.
Wenn ich beide – Lothar Bauer und Crossvalley Smith – noch einmal miteinander vergleichen darf, dann ist Lothar der reine Künstler, der kompromisslos auf jedem sich anbietenden technischen Wege Bildwelten erschafft, die sehenswert sind; Crossvalley Smith machte Bilder, die zeigten und zeigen, dass auch in einer Uhr, einem Messgerät, einem Werkzeug, einem Raumschiff, dass überall im All eine Schönheit steckt, die man nur anschauen muss, um sie wahrzunehmen, die man nur darstellen muss, um sie zu sehen. Beide – Lothar und Martin – waren bzw. sind Künstler, ohne Zweifel. Mit einem völlig unterschiedlichen Ansatz.

Und das ist das Loch. Ich habe noch meinen Lothar Bauer, über dessen Existenz ich mich nun noch einmal mehr freuen kann, darf, nein: muss. Aber das Loch, das Martins Tod in mehrerlei Beziehung in meinem Leben hinterlassen hat, wird er nicht füllen können – und das ist keine Unfähigkeit seinerseits.
Martin war als Mensch einzigartig – ich habe nie jemand anderen kennengelernt, der in der kurzen Zeit, in der wir summasummarum Kontakt miteinander hatten, einen solchen Eindruck hinterlassen hat. Bei mir, in mir.
Und von seiner Kunst will ich gar nicht reden. Natürlich gibt es auf dem Markt Alternativen, mit denen ich die Titelbilder meiner Bücher versehen kann. Es gibt immer Alternativen, die man sich anschauen kann, weil sie ahnsehnlich, schön sind.
Aber warum war das jetzt überhaupt nötig?

R. I. P., Martin. Wenn all das, was die Leute, die dich kannten, mochten, schätzten, liebten, wenn von all dem auch nur ein Bisschen noch bei dir ankommt, müsstest du die nächste Zeit einen ordentlichen Schluckauf haben.

P. S.: Und was mich bei solchen Vorfällen in zunehmendem Maße beunruhigt – wo soll das enden? Was wird erst werden, wenn jemand stirbt, der mir viel näher steht, als Martin es bei aller Liebe tat? Ich weiß es nicht. Und ich möchte es eigentlich auch nicht wissen.