Wind satt, Nordstrand, 13.06.

Nordstrand ist nebst Pellworm und einigen Halligen Überbleibsel einer verheerenden Sturmflut, irgendwann im 17. Jahrhundert, glaube ich. Die Insel ist keine solche, sondern »nur« eine Halbinsel, noch dazu erreichbar über einen Damm, der auf einer Karte recht schmal aussieht, durch Landgewinnungsmaßnahmen links und rechts aber deutlich breiter ausfällt.
Es war windig, stark bewölkt, nur wenige Sonnenlücken – eigentlich sogar gar keine, wenn man es genau nimmt. Der Wind war auflandig, am Vortag war Stärke 5 und »später leicht zunehmend« gemeldet worden.
Die Fahrt nach Nordstrand dauerte rund 45 Minuten und wäre ohne lahme Touris auf der B 5 sicher schneller gegangen. Auf der Halbinsel selbst war das Fahren sehr angenehm – lange Geraden, wenig Kurven, eher Andeutungen von solchen. Unangenehm war, dass die Nordstrander offensichtlich davon ausgehen, dass derjenige, der auf die Halbinsel kommt, sich auch auskennt: praktisch keine Hinweisschilder.
Dank vorheriger Internetrecherche und Navi fanden wir die Touristeninformation in Herrendeich problemlos. Eine informative Karte für vier Euro wechselte den Besitzer und wies zwei Hundestrände aus. Die Insel war ansonsten verkehrstechnisch sehr übersichtlich: Weitere, praktisch leere Flächen, einzelne Gehöfte, kleine Orte, die sich als größer erwiesen, als sie auf der Karte wirkten (womöglich eine Folge der schlichten Farbgebung). Wir waren unter anderem in Süden, Westen, Norden, in Oben – und beinahe auch in England, aber da waren wir schon auf der Heimfahrt und an der richtigen Abzweigung vorbei.

Der erste Hundestrand lag in Westen. Und bitte – es war natürlich kein Strand, nichts mit Sand oder so. Im Gegenteil – der Zugang zum Strand und dem dahinter liegenden Watt war unseren Hunden selbstverständlich wie inzwischen sittsam bekannt verwehrt. Aber zur Ehrenrettung der Zuständigen sei gesagt: Bei diesem Hundestrand handelte es sich um ein ordentlich eingezäuntes Hundefreilaufgelände, mit Wiese, sorgfältig gepflegt, und einigen Strandkörben (die wir freilich bei dem Wetter nicht nutzen wollten).
Wir ließen die Hunde laufen und ich machte eine ganze Reihe Fotos, wie sie herumrannten (vor allem Naomi ist ein Bild für die Götter, wenn sie rennt – eine Katze wirkt tollpatschig und völlig unelegant dagegen).
Als meine Hände das erste Mal Anzeichen beginnender Erfrierungen vorgaukelten, entschieden wir, weiter zu fahren – zum nächsten Hundestrand. Der war mit einigen Schlenkern auch problemlos zu erreichen und lag ganz im Norden von Nordstrand, am Holmer Siel, dem Aus- und Eingang für Wasser in ein Gebiet, von dem ich ausgehe, dass es irgendwann auch verlandet sein wird. (Ich bin sicher, irgendwo stand eine Infotafel, aber die suchte ich nicht, sah sie also auch nicht.)
Auch hier war der Hundestrand ein Hundeauslaufplatz, eingezäunt, rechts davon der Badestrand für Normalmenschen, links davon der FKK-Strand. Bemerkenswert: Das Hundegelände war flächenmäßig größer als der FKK-Strand. Bemerkenswert auch: Faule Menschenschweine haben die Zäune zwischen den drei Geländen heruntergetreten, weil die Alternative ein Umweg gewesen wäre; eines von diesen faulen Menschenschweinen weiblicher Provenienz betätigte sich derart praktisch direkt vor uns. Aber das macht ja nichts; selbstverständlich sind die Hunde schuld, wenn sie dann über die heruntergetretenen Zaunstellen auf die Nachbargelände ausbüchsen.

(Bemerkenswert ist, dass sich hier in Holmer Siel zeigte, dass es auch intelligente Menschen gibt: Die Straße – mit Durchfahrtverbot für Autos – führte über einen Weiderost – mit daneben liegender Schleuse! So muss es sein. –

Aber das war offensichtlich kurzer heller Moment. Denn wollte man auf die andere Deichseite, fand man keinen Aufgang, keine Treppe, keine Rampe. Man musste über die Deichwiese gehen – und auf der anderen Seite über eine Deichwiese hinunter. Auf dem Rückweg vom Hundeplatz sahen wir dann eine Treppe, die hinter einem Gebäude auf dem Deich nach oben führte. Als ordentliche Bürger mussten wir dann am Ende der Steintreppe zwei nebeneinanderliegende Gitterroste vor einer Holländertür vorfinden, mit zwei mal zwei Zentimeter messenden Quadraten, optimal geeignet für Hundepfoten. Wir ersparten uns einen Umweg – wieder über die Deichwiese – mithilfe meiner Jacke, über die die Hunde gehen konnten, und ich verdamme die verschissene Dummheit Verantwortlicher, die vielleicht am Ende noch aus Steuergeldern bezahlt werden.

Klar ist für mich inzwischen, dass ich einen Verein, eine Interessenvereinigung e. V. gründen werde, wenn der Urlaub vorbei ist. Es kann nicht angehen, dass Hunden und Hundebesitzern ständig alles nur verboten wird. Hundebesitzer sind keine Menschen zweiter Klasse, Hunde sind nicht gefährlich, nicht giftig, nicht schädlich und sie richten nicht mehr Schaden als andere Lebewesen in diesem Land an. Ich fühlte mich durch solcherlei Dinge schon immer gestört. Aber nach den Erfahrungen in den bisherigen zwei Wochen dieses Urlaubs reicht es mir endgültig. Da muss etwas getan werden! [Und Facebook wird mir dabei helfen!])

Der Kälte war zunächst genug genossen und wir entschieden, zu speisen. Naheliegend war das Restaurant »Zum Strandkorb« direkt an den Sielanlagen. Ich freute mich nach einem kurzen Blick auf die Speisekarte auf einen schönen Fisch.
Und wurde enttäuscht.
Drinnen war es warm. Und voll. Draußen war es nicht ganz so warm und an den Stellen, wo es nicht allzu windig war, auch voll. Also setzten wir uns ganz raus, immerhin in einen Strandkorb.
Fisch gab es nicht. Freitag ist Pfannkuchentag. Immerhin gab es auch deftige Pfannkuchen, und meiner entschädigte mich doch sehr mit frischen (!) Champignons und »Hackfleisch« genanntem Geschnetzelten von der Pute. Dazu ein dunkles Erdinger Weißbier. Bauch, was willst du mehr? (Naja, Nachschlag, nehme ich an.)
Nach dem Mahl ging es noch einmal auf den Hundeplatz, dann ins Auto – und ab.

Der Gattin hat es auf Nordstrand gefallen. Ich bin ein wenig unentschieden. Die Halbinsel ist schön, wenn man einsam und ruhig leben möchte. Es gibt viel Platz, wenig Menschen, wenig Verkehr – ob der an einem Ferienwochenende auch so ist, weiß ich allerdings nicht. Wäre ich berufstätig, dann käme allenfalls Husum als Arbeitsort infrage, alles andere begänne schnell, mich an alte Zeiten zu erinnern, in denen ich fünfzig, sechzig, bis zu neunzig Kilometer nach München zur Arbeit gefahren bin.

P.S.: Eine Holländertür ist eine Tür, die nicht senkrecht, sondern in einem Winkel angeschlagen ist (ich glaube, so um die 10 Grad). Das hat den Effekt, dass Pappnasen, die kein Licht hinter sich ausmachen und keine Tür hinter sich schließen können, insbesondere an Zugängen von Weidegebieten keine Tür offen stehen lassen können, weil sie ihre dreieinhalb Gehirnzellen nicht beieinander oder sonst wo unterwegs haben. Die Holländertür heißt Holländertür, weil die Holländer sie erfunden haben.