Phantom! – Der Opa!

V. K. Ludewig
OPER DER PHANTOME
Deutscher Taschenbuchverlag, München, 2013, Taschenbuch, 336 Seiten, ISBN 978 3 423 21469 8

VORBEMERKUNG
Zu diesem Buch gibt es einen Vorgänger, »Ashby House«. Ganz selten nur kam es mir so vor, als wäre die vorherige Lektüre desselben sinnvoll gewesen, aber wirklich gefehlt hat sie nicht.

WORUM GEHT ES?
Laura Slasher gönnt sich nach den Ereignissen, die in »Ashby House« geschildert wurden, eine Auszeit. Sie hat sich von ihrem Gatten, dem Gestaltwandler Hector, getrennt. In London wird sie von einer geheimen Organisation kontaktiert, die sogenannte Portalaktivitäten ausfindig macht. Solche finden in einem Theater statt, in der die »Rusalka« gespielt wird – und zwar immer dann, wenn ein bestimmtes Lied gesungen wird. Und diese Aktivitäten finden nicht erst seit gestern statt …

WAS GEFIEL?
Anfangs der knappe, direkte Stil, kurz, knackig, aufs Wesentliche konzentriert, dem schnellen Schnitt eines guten Actionfilms entsprechend, jedoch ohne Wackelkamera aufgenommen. (Später lässt das nach. Leider.)

WAS GEFIEL NICHT?
Die Handlung insgesamt ist eher konservativ; abgesehen von Details hätte sich ein »Poltergeist«-Roman auch nicht anders entwickelt. Es ist klar, dass es ein Happy End geben muss – immerhin ist Laura Slasher durch den zweiten Roman schon erkennbar eine Serienfigur –, aber es wirkt nicht irgendwie befriedigend, weil eigentlich keine der Figuren wirklich ernsthaft in Gefahr gerät, aus der Serie geschrieben zu werden.
Auch das Erlahmen der Erzählweise nach einem Viertel, vielleicht einem Drittel des Buches ist mir negativ aufgefallen. Man kommt sich als Leser ein wenig so vor, als gerieten die Figuren nach und nach immer mehr außer Atem und würden sich unter zunehmend nötiger Kraftanstrengung eher durch die weitere Handlung schleppen, als beispielsweise dazu beizutragen, sie voran zu treiben.

ZITAT GEFÄLLIG?
Einige Zitate seien erlaubt, ja.

[…] Auf dem Schreibtisch ausgebreitet der Inhalt einer Handtasche: Lippenstifte und Kompaktpuder, eine Pillendose, ein Schlüsselbund, ein Portemonnaie, aus dem Münzen gefallen sind, ein Brief, in Tinte geschrieben und in einer gut lesbaren, nach rechts tendierenden Männerhandschrift, Mobiltelefon (nicht eingeschaltet), iPod (Akku leer, stehen geblieben mitten in Lady Gagas »Speechless«). Die Tasche selbst liegt neben dem Papierkorb und mehreren Tüten von Tower Records, in denen sich DVDs befinden: »Dancer in the Dark«, »Mary & Max«, »Rabbit Hole«, »Moulin Rouge«, »Tausend Morgen«, »Dark Victory« mit Bette Davis. Die Sammlung legt die Vermutung nahe, dass die Besitzerin eine Tränenkur zu nehmen beabsichtigt hat – die Tatsache, dass die DVDs noch eingeschweißt sind, lässt darauf schließen, dass sie ihr Vorhaben noch einmal überdacht oder es einfach vergessen hat.
(Seite 17 f.)

Das als schönes Beispiel für die Erzählgeschwindigkeit am Anfang: kurz, knackig, wie gesagt.
Ein Aspekt, der mir auch aufgefallen ist – jedenfalls im anfänglichen Teil des Buches – ist ein Flair der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts, der ein wenig durchschimmert; und bisweilen sogar verbalisiert wird:

Sie hebt erst nach dem vierten Klingeln ab.
»Ein Mr McGrath für Sie.«
Sie ist nicht überrascht. »Sie können ihn durchstellen.«
»Mrs Slasher? Abraham McGrath. Sehr erfreut, Sie am Telefon zu haben.«
Sein kultivierter britischer Akzent und die unaufgeregte, warme Stimme erinnern sie an Spielfilme aus den Vierzigern. Sie sieht einen Mann vor sich, in einer Hand einen Gehstock mit Silberknauf und mit einem Hausmantel über dem perfekt sitzenden Anzug.

(Seite 31 f.)

Hier sei übrigens noch erwähnt, dass ich die deutschverlegerische Marotte, einen weiteren Anglikanismus zu übernehmen, als störend empfinde. »Mr.« ist eine Abkürzung für »Mister«, »Mrs.« eine Abkürzung für »Mistress«, und Abkürzungen werden im Deutschen immer noch mit einem Punkt beendet. Dass die Briten und vor allem die Amis zu faul sind, das zu tun, ist deren Problem. Ich halte es für schlampig und eines deutschen Verlages nicht würdig, dergleichen zu folgen.

»Sie haben meine Neugier geweckt.«
»Neugier ist etwas Wunderbares. Ein Ausdruck von Wissbegier und deshalb unbedingt zu begrüßen.«
»Das schwarze Schaf in der Familie der Wissbegier.«
»Der kleine, noch etwas unvorsichtige Bruder. Darf ich fragen, was Sie nach London führt?«

(Seite 35)

Ein schönes Beispiel für die im ersten Drittel des Buches vorzufindenden Dialoge. Leider nimmt die Neigung dazu im Laufe der Handlung zugunsten von Klischees ab.

Sie möchte ihren Tee aufgießen, doch noch immer ist das Wasser kalt. Sie betätigt den Schalter erneut und sieht erst jetzt, dass das Funktionslicht nicht brennt.
»Verdammt, koch!«, herrscht sie den defekten Wasserkocher entnervt an. Un dann, zu ihrem größten Erstaunen, es fühlt sich ein wenig an wie ein Déjà-vu, ein seltsames Ziehen in ihr, beginnt das Wasser zu sieden, und sie wird überflutet von einer Welle von Emotionen. Ich kann Wasser zum Kochen bringen! Ich habe eine Fähigkeit! Was ist das für ein blöder scheiss – ich bin ein menschlicher wasserkocher!!!
(Seite 64)

»Überlegen Sie, wie Sängerinnen und Sänger verehrt werden. Gesang emotionalisiert. Vom Sänger geht eine Faszination aus, man spricht nicht umsonst von ›kultischer Verehrung‹. Beobachten Sie einmal, was in einem Menschen vorgeht, der singt. Der befindet sich auf einer anderen Frequenz. Daher ist es nicht überraschend, dass ein Lied eine Portalöffnung mitverursacht. Die wirklich bizarren Portale sind meines Erachtens das am Annapurna, das sich öffnet, wenn eine jungfräuliche Seniorin Ketchup kocht. Es war relativ unkompliziert zu behandeln. Per Regierungsbeschluss wurden der Anbau und Import von Tomaten verboten. Oder das in Mirleft, einem kleinen Ort in Marokko. Das ut sich auf, wenn ein homosexuelles Liebespaar sich trennt und im Zeitraum von acht Minuten und im Umkreis von etwas weniger als einer Meile eine Möwe stirbt. Nicht immer leicht, die Komponenten herauszufinden.«
(Seite 136)

Vor allem am letzten Absatz sieht man, dass das Buch durchaus nette Ideen einer gewissen Skurrilität aufzuweisen hat. Insgesamt bleiben sie aber zu selten.

ZU EMPFEHLEN?
Ja, mit Einschränkung. Hätte ich gewusst, worauf ich mich einlasse – z. B. durch die Lektüre des Vorgängers »Ashby House« –, hätte ich das Buch nicht gelesen.

NOCH WAS?
Nun ja. Einmal mehr habe ich mir gewünscht, die Unsitte der Danksagungen am Buchende würden ein solches finden. Ein Ende. Aber leider sehe ich mich inzwischen mit dergleichen auch in Büchern meines eigenen Verlages konfrontiert. Seufz.