Tarantino, typisch?

INGLOURIOUS BASTERDS
(Quentin Tarantino, USA/Deutschland 2009)

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Tarantino hat für mich ein bisschen was Magisches an sich. Ich kann mich an keinen seiner Filme, die ich gesehen habe, erinnern, weil er mich enttäuscht hätte. Andererseits haben alle seine Filme Elemente, die mir eindeutig nicht gefallen. In »Pulp Fiction« war es das Gehabe zwischen Travolta und Thurman, in »Kill Bill« dieser sinnlos übertriebene Einsatz künstlichen Blutes – sinnlos nicht im dramaturgischen Sinne, sondern sinnlos in seiner Künstlichkeit –, in »Death Proof« war es diese manchmal machodämliche Art des von Kurt Russell gespielten Stuntman Mike, und in »Inglourious Basterds« war es einfach die Musik, die mich wieder zu der Erkenntnis zurück führte, dass Tarantino einfach einen kranken Musikgeschmack hat.

Gleichzeitig gibt es in allen seinen Filmen Sachen, die sie eben unvergleichlich machen. Samuel L. Jackson und der Burger in »Pulp Fiction«, der »Pussy-Wagon« in »Kill Bill Vol. 1«, dieses scheißgeile, völlig unerwartete und völlig einfache Ende in »Death Proof«, und in »Inglourious Basterds« … ja, was ist es da?
Ich habe den Film auf DVD angeschaut, nachdem ich mich über die dämliche DVD-Steuerung aufgeregt hatte, wie immer, ich hasse dieses Menurumgehample mit Trailern und Vorfilmchen und Repeats von Bildern und Musik. Naja, damit muss ich heutzutage wohl leben.

Über die Handlung – Achtung! Im Folgenden können sich Spoiler finden! – will ich selbst nicht viel schreiben, das können andere besser, und das machen andere besser. Indy72 zum Beispiel auf der imdb.de:
Im von den Nazis besetzten Frankreich erlebt die junge Jüdin Shosanna Dreyfus die Ermordung ihrer Familie durch Oberst Hans Landa. Selbst nur knapp dem Tod entronnen plant sie einige Jahre später ihre Rache, als der deutsche Kriegsheld Frederick Zoller Interesse an ihr zeigt und eine glamouröse Filmpremiere in dem Kino arrangiert, das sie mittlerweile betreibt. Die Anwesenheit zahlreicher Nazigrößen bei diesem Ereignis weckt auch das Interesse der »Basterds«, einer von dem berüchtigten Lt. Aldo Raine geführte Gruppe jüdisch-amerikanischer Guerillakämpfer. Als die rücksichtslose Truppe versucht, die Premiere für ein Attentat zu nutzen und der Racheplan der jungen Frau anläuft, kreuzen sich ihre Aktionen an diesem schicksalshaften Abend, um die Annalen der Geschichte in ihren Grundfesten zu erschüttern.
Diese Beschreibung kann ich so stehen lassen. Sie umreißt die Handlung völlig korrekt, sagt aber nichts über diesen Film.

Bevor ich ihn sah, machten Trailer und Schnipselchen, die man ab und zu im Fernsehen – z. B. auf Sky – sehen konnte, glauben, es handle sich um den Streifen um diese »Basterds«, die mordend und marodierend über die Leinwand streifen würden. Andererseits sah das Ganze manchmal aus wie ein Stück um die Figur des Obersts Landa. Aber das täuscht. Denn im Grunde ist der Film sehr, sehr ausgewogen. Es gibt dramaturgische Hauptfiguren, wie Aldo Raine (Brad Pitt), wie Hans Landa (Christoph Waltz), wie Shosanna Dreyfus (Mélanie Laurent), aber keine dieser Hauptfiguren ragt so deutlich aus den anderen heraus, dass sie sie in den Hintergrund spielen würde. (Das trifft auch auf Waltz‘ Figur Landa zu, aber dazu komme ich später noch.)
Die gesamte Filmhandlung – an der ich im Gegensatz zu meiner Freundin keine Längen feststellen konnte – ist von einer Vorhersehbarkeit, die für Überraschungen sorgt.
Eine Szene am Anfang zum Beispiel, als sozusagen näher auf das Sammeln von Skalps seitens der Basterds eingegangen wird und als dem einen deutschen Soldaten, der seine Kameraden nicht verraten will, von Sergeant Donnowitz (Eli Roth) mit einem Baseballschläger der Schädel eingeschlagen wird; es ist klar, dass das geschieht, es wird unmissverständlich vorbereitet, und dennoch ist man überrascht, nicht einmal von der Brutalität – die ja zu Tarantino einfach dazugehört –, sondern von dem Ereignis als solchem.
Oder – und das noch viel ausgeprägter – die Szene in der Kneipe, als sich drei Basterds – darunter Brad Pitt und Til Schweiger – mit der von Diane Kruger gespielten Bridget von Hammersmark zu einem konspirativen Treffen zusammenfinden, umgeben von lauter Nazis. Da sitzen sie dann, Bridget, die drei Basterds und der Sturmbannführer (den Schauspieler finde ich auf der IMDb gerade nicht …) und halten sich gegenseitig mit Waffen in Schach, und es wird geredet, gedroht, geredet, und der Zuschauer weiß ganz genau, dass jetzt jeden Moment etwas passiert, er weiß nicht genau, was passiert, aber er ahnt es – und dann sind fast alle in diesem Raum innerhalb weniger Augenblicke tot.

Das, was meine Freundin mit Längen meinte, waren die Szenen, in denen vor allem Christoph Waltz brillierte. Lange Unterhaltungen, Unterhaltungen, die einfach auch zeitlich ihren Platz brauchten, um diese Brillanz, diese Genialität des Drehbuches, des Textes und dieses Schauspielers herauszustellen. Wenn ich oben schrieb, dass auch Waltz‘ Figur gegenüber den anderen nicht herausstach, so gilt dies nur unter dramaturgischen Gesichtspunkten. Für das Spiel, für die Handlung ist Walda ebenso wichtige wie Raine, wie die von Hammersmark, wie Goebbels (Sylvester Groth) und Hitler (Martin Wuttke). Die Rolle selbst, die Waltz spielen durfte, ist unbestritten eine der tollsten dieses Filmes – wenn nicht gar wirklich die beste von allen, und Waltz als Schauspieler – der mir schon in einigen deutschen Krimis positiv aufgefallen war – ist einfach allererste Sahne.
Waltz gegenüber fällt vor allem Brad Pitt zurück. Mag es an der Rolle an sich liegen – die ein wenig gekünstelt wirkt; es zeigt sich an dieser Rolle, dass der Plot halt nicht real war und nicht real sein kann –, mag es daran liegen, dass er schon während der Dreharbeiten merkte, wie sehr Waltz von seiner Wirkung her im Vordergrund stand, Brad Pitt ist hier einfach nicht so gut wie in anderen Filmen. Schön allerdings ist seine Verschrobenheit, die immer wieder zu erkennen ist, eine Verschrobenheit, die mich freudig an den nuschelnden Boxer in »Snatch« erinnerte, an seine Rolle in »12 Monkeys« und anderen Filmen. Hier, in »Inglourious Basterds« ist es dir Art und Weise, wie er den Mund bewegt, wenn er nichts sagt, wie er das Kinn immer wieder nach vorne schiebt – und  dabei aussieht wie Benito Mussolini in alten Filmdokumenten.

Die anderen Schauspieler … Der Film kann mit einer ganzen Garde aufwarten, auch mit »großen Namen«. Diane Kruger ist eine Schauspielerin, die ich eigentlich nicht mag, weil sie immer ein wenig so farblos ist, wie sie blond ist. Gerade in den beiden Filmen mit Nicolas Cage (»Das Vermächtnis der Tempelritter«, »Das Vermächtnis des geheimen Buches«) ist sie zwar hübsch anzusehen, aber spröde, trocken, farblos. In »Inglourious Basterds« fiel mir vor allem ihr Deutsch – sie war in der deutschen Version, die ich sah, nicht synchronisiert – auf, dem man einfach die Tatsache anhört, dass sie seit einer halben Ewigkeit nicht in Deutschland lebt.
Toll war das kurze Auftreten von Mike Myers als General Ed Fenech – ein maltesischer Name, hoi! –, der einerseits so gut maskiert war, dass man überlegen musste, ob das wirklich Myers ist, andererseits von seiner Mimik her so eindeutig Myers war, dass ich dann beim Nachschauen in der IMDb ein »Ha! Recht gehabt!«-Erlebnis haben durfte. In der gleichen Szene kam auch Rod Taylor in einer winzigen Rolle als Winston Churchill zum Zuge; ihn erkannte ich erst beim Nachspann, zu kurz war die Szene; und ich überlege noch, ob und worauf sein Auftritt eine Anspielung gewesen sein könnte, denn Rod Taylor ist ja bekannt dafür, in zahlreichen World-War-II-Streifen mitgespielt zu haben.
Ganz toll war das Casting für Goebbels und Hitler. Sylvester Groth, der den Goebbels spielte, hat auch eine sehr große Ähnlichkeit mit dem Original; und Martin Wuttke, der viele deutsche Krimis, darunter auch diverse Tatort-Krimis (als Hauptkommissar Andreas Keppler) gemacht hat (und macht), ist als Adolf Hitler eine sensationelle Besetzung, wie ich fand, auf eine Art und Weise zwischen Authentizität und Hitler-Klischeehaftigkeit gelegen, dass man sofort an Filme denkt, wo er die bessere Besetzung gewesen wäre (z. B. als Ersatz für Helge Schneider in »Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler«). Hitler als Filmfigur ist ja nun inzwischen wirklich ein Klischee, seine mimischen und verbalen Marotten sind bestens bekannt und bestens ausgearbeitet, und so ist es heutzutage nur noch eine Frage der Fähigkeit eines Schauspielers, wie viele Prozentpunkte hinter dem Komma er Raum lässt, um sich noch einen anderen Schauspieler zu wünschen, der die Rolle besser ausgefüllt hätte. Wuttke jedenfalls hat in der Hitler-Figur praktisch keine Luft mehr gelassen. So klein die Rolle war – weil Hitler hier halt nur eine Nebenfigur war –, so sehr habe ich die Szenen mit Wuttke als Hitler genossen.

Mein Fazit fällt nur ein klein wenig zwiespältig aus.
Wirklich gestört an dem Film hat mich die Musik. Sie war Tarantino. Sie war Kill Bill und Pulp Fiction. In diesem Film hätte eine zeitgenössischere, eine authentischere Musik noch mehr herausgerissen. Einzig der Abspann mit dem Orchesterstück konnte mich überzeugen.
Als Tarantino-Film insgesamt betrachtet, ist »Inglourious Basterds« ruhiger, als erwartet, weniger blutig, auch wenn es in einigen Szenen nicht übel zur Sache geht; aber es ist deutlich erkennbar, dass das hier diesmal nicht Tarantinos Hauptanliegen war.
Ich habe also einige kleine Schönheitsfehler an dem Film entdeckt, aber im Großen und Ganzen kann ich nur sagen: Toller Streifen! Tolle Schauspieler, toller Plot – und eine geniale Idee, nebenbei, wenn man so will, ja eigentlich sogar ein Stück Parallelweltgeschichte, ein Stück Science Fiction – und eine richtig schöne Abendunterhaltung. Den werde ich mir auf jeden Fall noch einmal anschauen, bei nächster Gelegenheit – jedenfalls, wenn er auf Sky Cinema startet. Und ich werde mich sehr wundern, wenn dieser Film nicht mindestens einen Oscar bekommt – nämlich den für einen absolut sensationellen Christoph Waltz –, vielleicht sogar mehr.