Erinnerungen: Mein erster Hund

Eigentlich war mein erster Hund gar nicht mein Hund. Anke, meine spätere dritte Frau, brachte das Hundemädchen Kim – heute Kim I. genannt, weil sie bekanntermaßen eine Nachfolgerin hat – mit in die Beziehung. Auf Umwegen. Anke war alleinerziehend mit einem nicht unanstrengenden Kind und gab den Hund ihrem Ex-Mann, der sie wieder weitergab. Und irgendwann stellte sich heraus, dass Kim I. kein Zuhause mehr haben würde, weil ihre Pflegemutter umziehen musste und mit X Katzen und Y Hunden keine Wohnung finden würde. Wir wohnten damals in Pfaffenhofen an der Ilm und klärten die Sachlage mit dem Makler unseres Vermieters (der war ein Arsch, mit dem man nicht reden musste, weil er eh zu allem Nein sagte). Und Kim I. war bei uns.

Kim I. war ein Mix aus Labrador und Airdale Terrier. Sie besaß ausgeprägte Jagdinstinkte vor allem gegenüber Rehwild, was uns recht früh veranlasste, sie in entsprechendem Gelände nur noch an der Leine laufen zu lassen. Anke verschaffte ihr mit Vorliebe Bewegung auf dem Rad, was Kim I. zu gefallen schien. Sie war zeit ihres Lebens fit und kräftig, gut gebaut, niemals zu dick. Und ihre Nasenbedürfnisse lebte sie aus, wenn man mit ihr zu Fuß gassigegangen ist.

Es gibt praktisch keine Fotos der Hündin, die etwas taugen. Die, die ich hier veröffentliche, sind die einzigen, die ich habe, und es sind die einzigen, von denen ich weiß.
Kim I. war eine Seele von einem Hund. Das stillste Mädchen im Wurf war sie, der Grund, warum Anke sie erwählte. Und sie war … Keine Ahnung. Ich habe damals keine Ahnung von Hunden gehabt. Überhaupt keine. Ich habe den Hund nicht wirklich als Hund wahrgenommen, vielleicht nicht mal als Lebewesen. Ich habe sie nicht schlecht behandelt, ganz im Gegenteil – aber vermutlich war mein Verhalten ihr gegenüber unpassend, falsch, keinesfalls artgerecht. Sie hat sich nie etwas anmerken lassen. Sie war einfach nur da, meist unauffällig und wenn sie litt – sie wurde einmal von einem aggressiven Retriever verletzt –, dann litt sie schweigend und unauffällig.
Kim I. ist in meiner Erinnerung heute ein Hund, bei dem ich mich schäme, nicht gut zu ihr gewesen zu sein. Nicht so, wie ich heute zu meinen Hunden bin. Sie hätte es nicht nur verdient gehabt. Wie gesagt, ich habe sie nicht wissentlich schlecht behandelt, eher im Gegenteil – sie war immer gerne bei mir, es gab nie Probleme. Aber ich denke heute, ich würde sie gerne um Entschuldigung bitten, weil ich sie nicht so behandelt habe, wie ich es heute tun würde und wie ich es damals hätte tun können, wenn ich mich bemüht hätte, mehr über Hunde und vor allem meinen Hund zu erfahren.

Kim I. starb Ende 2015. Sie wurde eingeschläfert, weil ihr Körper von Tumoren übersät war und ihr weiteres Leben ein einziger Leidensweg gewesen wäre. Damals war sie schon nicht mehr bei mir, weil meine dritte Ehe mit Anke im Sommer in die Brüche gegangen war.

Da war sie ganz jung, lange, bevor ich sie kennenlernte. Das Foto dürfte 1991 in der damaligen Wohnung Ankes in München entstanden sein.

Auch auf diesem Foto ist sie noch sehr jung, und auch da kannte ich sie noch nicht. Ich schätze die Aufnahme auf Ende 1991 oder Anfang 1992.

Das Foto stammt aus dem September 1994, aufgenommen in der Wohnung in Pfaffenhofen an der Ilm. Der Mann mit der schrecklichen Jacke und den dunklen Haaren dürfte ich gewesen sein; beweisen kann ich es freilich nicht.
Man erkennt Kim I. nicht wirklich. Das Kreuz der damals noch vorherrschenden analogen Fotografie.

Das letzte Bild von Kim I., das ich habe, entstanden im August 1995. Der rötliche Bart der Maus stammt von ihrem Futter. Sie war nie sehr anspruchsvoll – Nobelfutter von Pedigree hat sie stehen lassen – und wir waren dumm genug, sie mit billigem Futter zu füttern, obwohl sie sich nie beschwert hat. Ganz im Gegenteil.
Der junge Mann auf dem Foto ist mein Neffe Jochen, damals 15 Jahre alt, in diesem Jahr ist er 37 Jahre alt geworden.

P.S.: So schlecht die Fotos sind, so geben sie doch einen Hinweis darauf, warum ich Kim II., als sie zu uns kam, zwangsläufig Kim nennen musste, obwohl heute noch in ihren Papieren »Gigi« als Name steht. Die Erinnerung an Kim I. war mehr als sechs Jahre alt, das kommt hinzu. Und Kim II. war einfach ein schwarzer Hund, eine Labradormix (hier mit einem Schnauzer), und es war über die Entfernung einfach naheliegend, dass ich Gigis eigentlichen Namen nie über die Lippen brachte.

P.P.S.: Es gibt noch eine bemerkenswerte Erinnerung. Anfang 1998 trennen wir uns, Anke und ich. Es sah so aus, als ginge es nicht mehr. Aber wir wohnten eh in zwei Wohnungen nah beieinander, und es war klar, dass ich mich auch um Kim I. kümmern würde, wann immer es nötig wäre. Ich erinnere mich nicht, dass die Maus jemals gejammert hätte, wenn Frauchen wieder gegangen wäre. Oder dass sie sich geweigert hätte, wenn ich sie geholt habe. Sie war einfach auch an zwei getrennte Wohnungen gewöhnt und hat die Trennung gar nicht mitbekommen.
Und das war ja auch nicht nötig. Im August des gleichen Jahres haben wir geheiratet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*