Einmal pleite, nie wieder pleite

Gestern, am 27. Mai 2011, hatte ich ein kleines Jubiläum. Ein Jahr zuvor, am 27. Mai 2010, wäre es eigentlich zu Ende gewesen. Sieben Jahre zuvor, am 27. Mai 2004, begann es. Es gab ein Vorspiel, natürlich, und es lief nicht alles so, wie es eigentlich hätte laufen sollen, aber das war eigentlich meine Schuld – und es gab nichts, das nicht am Ende doch positiv gewesen wäre.

Am 27. Mai 2004 wurde die (Privat-) Insolvenz über mein Vermögen eröffnet. Es gab natürlich ein Vorspiel dazu. Wenn man so will: mein ganzes Leben, seit ich begann, Geld zu verdienen, damals, Mitte 1978 bei der Bundeswehr. Schulden begleiteten mich seitdem, und eigentlich wurden sie nie weniger, sondern eher immer mehr. Im Jahre 2000 wurde ich dann Opfer rumänischer Kreditkartenbetrüger, die mich letztlich um rund sechzigtausend Euro erleichterten. Aber der Auslöser für meine eigentlichen Probleme war das Finanzamt Weilheim, das 2003 rund elftausendfünfhundert Euro Steuererstattungen zurück verlangte, die ich aufgrund dieses Verlustes in Anspruch genommen hatte (übrigens aufgrund eines entsprechenden Hinweises des Finanzamts).
Am 11. August 2003 – an meinem fünften Hochzeitstag (meiner dritten Ehe) – war ich bei der Caritas-Schuldnerberatung in Schongau. Die Idee kam von meiner damaligen Gattin. Der Termin war kurz und informativ; es ging nur darum, was benötigt wurde, wie der Ablauf sein würde, um den Papierkram. Und ich überlegte nicht lange und ging es an. Ich hatte eigentlich nicht viele Gläubiger, die unter meiner Insolvenz leiden würden: die Abzocker von der (damals noch) Citibank (heute Targobank) und eben das Finanzamt. Die hatten damals einen Antrag auf Stundung auf dem Tisch liegen, den zu beantworten ihnen offensichtlich schwer fiel; als ich die – ansonsten völlig unrealistische – Stundung bekam, war mein Antrag auf Privatinsolvenz längst auf dem Weg. Und auch die Citibank brauchte lange … Da ich meine Zahlungen überhaupt erst einstellte, als ich den Antrag auf Privatinsolvenz schon gestellt hatte, kamen die ersten Zwangsmaßnahmen der Citibank erst, als ich längst unter dem Schutz des Amtsgerichts Weilheim stand.

Dass die Entscheidung eine gute war, zeigte sich sofort. Ich hatte auf einmal Geld, das ich zurücklegen konnte, für welche Eventualitäten auch immer. Ich kam auf einmal aus, mit dem was ich verdiente. Meine Erkenntnis, dass ich nicht alles brauchte, was ich mir wünschte, festigte sich – angefangen bei Kreditkarten (ich habe heute immer noch keine, und das wird sich wohl auch nicht mehr ändern). Und ich machte die Erfahrung, dass viele der schrecklichen Dinge, die man in einschlägigen Internetforen so lesen konnte – allen voran das forum-schuldnerberatung.de – bei mir offensichtlich nicht eintraten, weil sie es auch nicht mussten. Ich bekam einen der Insolvenzverwalter, die aus den Gebühren, die sie kassieren durften, ein Maximum herauszuholen versuchten, indem sie den Aufwand im Verfahren minimierten. Da ich über ein regelmäßiges Einkommen verfügte, blieb mir eine Gehaltspfändung durch den Insolvenzverwalter ebenso erspart, wie meinem Arbeitgeber die Notwendigkeit, das pfändbare Einkommen von sich aus abzuführen. Ich überwies die Beträge selbst und faxte einmal im Monat die entsprechende Gehaltsabrechnung.
Es lief wunderbar.

Die Schwierigkeiten begannen 2010. Irgendwann 2009 hatte es den Schlusstermin gegeben, und ich erwartete, dass am 27. Mai 2010, dem Termin, zu dem mir die Restschuldbefreiung hätte zugesprochen werden sollen, genau das geschehen würde.
Aber das geschah nicht.
Es stellte sich heraus, dass ich zu gut verdient hatte. Es war so viel Geld auf dem Anderkonto des Insolvenzverwalters, dass die Gläubiger noch drittrangige Forderungen anmelden konnten. Aber dazu musste der Schlusstermin von 2009 aufgehoben werden, die Gläubiger noch einmal angeschrieben werden, und das ganze Programm. Am Ende verging der 27. Mai 2010, ohne dass sich etwas getan hatte.
Erst am 10. August 2010 – sieben Jahre minus einen Tag nach meinem Termin bei der Caritas-Schuldnerberatung in Schongau (die heute, glaube ich, gar nicht mehr existiert, weil ihr die Gelder gestrichen wurden) – fand der Schlusstermin statt.
Und es dauerte bis zum 24. Mai 2010, dass ich das Protokoll dieses Termins und endlich … endlich … den Beschluss zur Erteilung meiner Restschuldbefreiung in der Hand halten durfte. Und das alles, weil ich zu gut verdiente, weil zu viel Geld da war, weil …

Ich bin in der glücklichen Lage, eine ganz entspannte und unproblematische Privatinsolvenz hinter mir zu haben, und ich bin nach wie vor glücklich darüber, die Entscheidung getroffen zu haben, und ärgerlich darüber, es nicht früher getan zu haben (knapp drei Jahre wirklich anstrengender Finanzprobleme wären mir erspart geblieben). Ich würde jedem Menschen in finanziell problematischer Situation eine solche Insolvenz wünschen, aber der Regelfall ist natürlich ein anderer.
Die meisten Menschen, die letztlich Privatinsolvenz anmelden, haben eine wahre Tortur hinter sich. Selbstvorwürfe, Vorwürfe aus der Familie, Mahnungen, Mahnverfahren, Vollstreckungen, Gerichtsvollzieher, eidesstattliche Versicherungen, das ganze Programm – das ganze Programm, von dem ich damals nur las, das mir selbst aber erspart blieb. Ich fände es wichtig, wenn sich die Gesellschaft – und die Menschen in ihr und in Schwierigkeiten – klar machen würden, dass es nicht ehrenrührig ist, in Privatinsolvenz zu gehen. Es macht keinen Menschen zu einem schlechteren Menschen, es macht keinen Menschen zu einem Versager – was mein dritter Schwiegervater von mir glaubte, und seine Tochter dann leider auch. Im Gegenteil … In Zeiten, in denen die Banken und bankenähnliche Kreditgeber keine Mühen und Kosten scheuen auch dem zahlungsunfähigsten Bürger dieses Landes noch das Geld aus der Tasche zu ziehen, da sollte es ein rechtschaffenes Werkzeug sein, sich gegen derlei Verbrechertum auf gewaltfreie und doch gewaltige Art und Weise zu wehren.

Ich selbst werde meine Entscheidung niemals bereuen – wozu auch, ich habe es ja auch vorher nicht getan. Ich bin mit meinen Finanzen im Reinen, ich habe zum ersten Mal in meinem Leben keine Schulden und keinen Grund, welche zu machen. Ich habe die Dinge, die ich brauche, und die Dinge, die ich nicht brauche, habe ich auch nicht. Weil ich keine Schulden habe, habe ich Geld für Dinge, die ich mir eigentlich nicht gönnen müsste, weil ich sie nicht bräuchte, mir aber gönnen kann, weil mir danach ist. Es ist das Paradoxon, durch das man in Schwierigkeiten gerät: Wenn du Schulden hast, kommst du nicht mehr heraus; wenn du keine hast, musst du auch keine machen.
Ich kann jedem Menschen in schwieriger finanzieller Lage nur raten, eine Entscheidung zu treffen. Sie ist ganz einfach: Wenn ich innerhalb von sieben Jahren meine Schulden nicht aus eigener Kraft abtragen kann, dann bin ich ein Fall für eine Privatinsolvenz. Und wenn ich mir Gedanken darüber mache, welche Schwierigkeiten die Gläubiger haben, wenn ich nicht mehr zahle, dann mache ich einen Fehler. Denn die Gläubiger können ihre Verluste durch meine Insolvenz von der Steuer absetzen …