Ins Leben zurückgekehrt

Es geschehen noch schöne Dinge auf dieser Welt, geboren aus dem Bösen, aus der Finsternis. Wenn man schon nicht mehr glaubt, dass einen die Erschütterung noch einmal loslässt, dann … ja, dann …

Es war am Donnerstag, den 15. Oktober, als ich abends den Rechner ganz normal herunterfahren ließ. Nichts deutete auf das hin, was geschehen sollte.
Am Freitag, den 16. Oktober, wollte ich vor der Reise nach Darmstadt (anlässlich des BuchmesseCon 24, von dem hier auch noch die Rede sein wird) noch fleißig sein und an einem Buch (STORY CENTER 2009, siehe auch www.pmachinery.de) arbeiten. Aber was war das? Nachdem das PC-Netzteil Saft erhalten und seine Initialisierung durchgeführt hatte, schaltete ich den Hobel ein – wie immer. Indes: Er fuhr nicht hoch. Die Lüfter liefen auf maximaler Leistung, wurden sogar hörbar noch ein wenig schneller, und …
Mist!
Ich kannte den Effekt von anderen Geräten dieser Generation (Fujitsu Siemens Celcius M4xx) schon. In ein oder zwei Fällen hatte sich die Grafikkarte als (defekter) Verursacher herausgestellt.
Na, toll! Eine Quadro FX 3700 hatte ich nicht mehr im Haus, wusste ich. Man gibt ja nicht so leicht auf. Nicht gleich. Also versuchte ich durch eifriges Hin- und Herschalten mit Steckdosenleiste und Einschaltknopf, das technische Meisterwerk – in Gedanken und verbal allerdings treffender »Miststück« genannt – zum Leben zu erwecken. Erfolglos.
Wenn man seit Mitte der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit PCs und ähnlichem Teufelswerk in Berührung kommt, und wenn man seit bald zehn Jahren auch noch als sogenannter Netzwerkadministrator – firmeninterne Bezeichnung: »Netzgott« – arbeitet, dann neigt man angesichts solcher Unbillen bei aller Liebe zu cholerischen Aggressivitätsschüben, bei denen in dem einen oder anderen Fall die eine oder andere Hardware auch schon einmal final zu Schaden gekommen ist. (Von dem oftmals vorgenommenen Fenstersturz habe ich bislang allerdings immer noch Abstand nehmen können.)
In bester Laune jedenfalls spazierte ich hinüber in mein Büro – und überlegte, was ein 0815-Normalcomputerbesitzer nun tun würde: gar nichts! – und überlegte, welche Grafikkarte als Austausch herhalten sollte. Viel Auswahl gab es nicht. Die PCs, die herumstanden, waren in der Regel Office-PCs, geeignet für Office und Internet, mit On-Board-Grafikkarten. Der Vorgänger meines jetzigen Arbeitsplatzboliden stand noch herum, darin eine Quadro FX 1500 – immerhin, für einen Test würde sie reichen.
Zurück in die Wohnung. Die FX 3700 ausgebaut – ich verstehe nicht, was dieser kleine schwarze Hebel bewirken soll, der die Grafikkarte krampfhaft festhält und an den man so gut rankommt, so gut, dass man bei zu heftiger Handhabung einen Kondensator vom Board brechen kann … –, die FX 1500 eingebaut, PC gestartet: keine Änderung.
Überlegt, nachgedacht. Es hat was mit der Stromversorgung zu tun, dachte ich. Der Wechsel der Grafikkarte von der 3700 auf die 1500 war schon insofern nicht unpraktisch, als die 3700 ein stromhungriges Monster ist. Aber sie war es offensichtlich nicht.
Das Netzteil … Ich war mir nicht sicher, ob ich ein identisches Netzteil verfügbar hatte, ging wieder ins Büro und sah nach. Erneut konnte der Vorgänger des aktuellen Übeltäters aushelfen: Er besaß ein identisches Netzteil. Ausgebaut … das hört sich so einfach an, aber Fujitsu-Siemens-PCs sind ordentlich zusammengebaut, was unter anderem bedeutet, dass Kabel nicht einfach herumfliegen, sondern ordentlich befestigt sind. Aber gut: Wo rohe Kräfte sinnlos walten, wird auch so was nicht lange halten …
In der Wohnung das gleiche Spielchen: Altes Netzteil ausgebaut, neues Netzteil eingebaut. Natürlich hätte ich auch nur die Anschlüsse umlegen müssen, aber das wäre nicht viel weniger Aufwand gewesen. Und das Ergebnis war – wie beinahe erwartet – niederschmetternd: keine Änderung.
Nun blieb nicht mehr viel: Ich testete noch das Verhalten mit veränderten Arbeitsspeicherbausteinen, mit einem Pärchen, mit dem anderen Pärchen, mit einem Pärchen in anderen Sockeln, mit nur einem Stein. Nichts, keine Änderung. Der PC wollte nicht mehr hochfahren.

Zum Glück hat man als Netzgott ja ein Notebook. Mindestens ein Notebook. Meines war sogar ein Bolide – eine Celsius H 250-Workstation … von Fujitsu Siemens. Das gute Stück war auch weitgehend auf aktuellem Stand, für meine Arbeit eingerichtet, mit einer mir genehmen Umgebung.
Ich richtete mich auf dem Notebook ein, wissend, dass Schadensbehebung auf der großen Celsius-Workstation ihre Zeit benötigen würde. Die Tastatur des Notebooks ist leider nicht optimal, da einige Tasten, die man durchaus häufig braucht, sehr ungewöhnlich nur über die Fn-Taste zu erreichen sind, z. B. Pos1 und END. Und der Trackstick zwischen dem g, dem h und dem b ist eine fiese Sau, auf gut deutsch gesagt: Er ist so empfindlich, dass einem die bloße Berührung beim Zehnfingerblindtippen den Cursor ins Nirvana kickt und man halt an einem Ort weiterschreibt, an dem man seine Ergüsse längst erschöpft glaubte.
Immerhin gelang es mir, bei Fujitsu – Siemens ist ja raus – einen Serviceauftrag zu eröffnen, und die Jungs waren auch recht fix. Schon zwei Stunden nach meiner Eingabe wusste ich, wer mir helfen würde. Und wann … nun, zu der Maschine gehört ein 3-Jahre-Vor-Ort-Service am zweiten Werktag. Das wäre am Dienstag, dachte ich.

Über’s Wochenende waren wir in Darmstadt, da brauchte ich sowieso keinen PC. Und manchmal ist es ganz erholsam, wenn man die Dinger nicht ständig vor Augen hat. Manchmal …
Nach der Heimkehr Sonntagabend stand mir nicht mehr nach Notebook.
Und am Montagmorgen … Ich erwähnte bereits die cholerischen Aggressivitätsschübe, und als die H 250 meinte, sie müsse mehrere Stunden lang Updates und Patches einspielen, überlegte ich ernsthaft, wo die Regalbretter standen, die wir benutzen, wenn wir mit dem Notebook vor dem Fernseher auf dem Sessel oder Sofa arbeiten wollen. Ein solches Regalbrett erschien mir in diesem Augenblick geeignet, die Maschine quer in zwei Teile zu spalten. (Und ehrlich, ich würde das wirklich nur allzu gerne mal sehen, so richtig ehrlich. Vielleicht richte ich irgendwann mal einen Contest aus. Möglicherweise wäre Stefan Raab für so was zu haben …)
Zum Glück – in diesem Fall auf jeden Fall – wohne ich ja in der Firma, in der ich auch arbeite. Ich zog einfach in mein Büro um. Dort stehen zwei PCs kleineren Kalibers, aber auch recht ordentlich (DualCore statt QuadCore, okay, kein 64bit-Vista, sondern nur 32bit, aber immerhin), und dort kam ich wenigstens zum Arbeiten. Und am Nachmittag hatte sich dann auch endlich das Notebook wieder bereitgefunden, nicht nur etwas für Microsoft, sondern auch einmal was für mich tun zu wollen.

Dienstag, 20. Oktober. Heute müsste es so weit sein. Dachte ich, hoffte ich. Heute sollte ein Techniker das Mainboard checken und tauschen, denn das Mainboard war nicht nur nach meinem, sondern auch nach Fujitsus Dafürhalten der Übeltäter. (An den Prozessor dachte wohl nur ich …)
Aber nichts geschah. Ich hatte einer Kollegin Bescheid gegeben, dass da jemand kommen würde. Aber wie das Schicksal aus dem Hause Murphy so spielt …
Als ich mittags bei der Firma anrief, stellte sich heraus, dass der Techniker am Morgen angerufen hatte. Da die Firma Fujitsu zwar einen Haufen Daten abfragt – darunter auch eine aktuelle Telefonnummer –, diese jedoch als eigenes Geheimnis hütet – man möchte wohl einen Datenskandal vermeiden –, hatte der Techniker veraltete Daten, darunter eine veraltete Telefonnummer, deren Nutzung auf der aktuellen Telefonanlage durch eine Fehlerabfangroutine eine Verbindung zur Zentrale schafft. Die Zentrale am hiesigen Standort – an dem eben auch ich wohne – ist jedoch – aus welchen Gründen auch immer – auf die Zentrale an einem zweiten Standort umgestellt. Und dort sitzen dann Leute – ich nenne keine Namen –, die auch nach gut anderthalb Jahren immer noch nicht wissen, dass ich der einzige Kollege bin, der innerhalb der Firmengebäude wohnt, und die Emails nicht lesen können, mit denen ich mitgeteilt hatte, dass ich meinen Urlaub in den eigenen vier Wänden verbringen, mithin also direktemang vor Ort und im Firmennetzwerk erreichbar sein würde. Nein, irgendjemand dort drüben sagte dem Techniker, ich sei in Urlaub. Punkt.
Auch wenn es als nicht unmöglich in Aussicht gestellt wurde, kam am Dienstagnachmittag natürlich niemand mehr. Danke, dachte ich, wirklich: Danke. Wenn man solche Kolleg(inn)en hat, braucht man nichts mehr sonst.

Am Mittwochmorgen erfuhr ich nur, dass die Planungen für die Techniker des Tages gemacht seien. Der Techniker würde sich bei mir rühren. Vorher. Telefonisch. Ich erinnerte an die richtige Nummer.
Er rief zum Glück vorher nicht an. Möglicherweise wäre das auch wieder schiefgegangen. Er kam einfach. Landete in den Armen der Kollegin, die Bescheid wusste. Die rief mich an, ich nahm den Techniker entgegen und führte ihn zum Eingang der Hölle, hinter dem das Böse schlummerte.
Der Techniker war ein kleiner Asiate (perfekt Hochdeutsch sprechend, damit hier keine Vermutungen aufkommen), der mit einem kleinen Auto (Smart, knuffig, passend zum Firmennamen [den ich hier nicht erwähnte]) gekommen war. Er stürzte sich auf die Arbeit. Wir besprachen kurz, was ich an Versuchen unternommen hatte. Er fragte mehrmals nach dem Zeitpunkt, seitdem die Kiste nicht mehr wollte – als ob das eine besondere Bedeutung gespielt hätte. Aber da war nichts. Wir hatten nicht mal schlechtes Wetter, kein Gewitter, keine Stromspitzen, nichts dergleichen.
Er baute das alte Mainboard aus, das neue ein.
Nichts. Keine Änderung.
Er begann, Komponenten wieder auszubauen, um deren mögliche Verantwortung für das fortgesetzte Desaster zu prüfen.
Nichts. Keine Änderung. Dass das Mainboard nicht tot war, zeigte sich daran, dass es Fehlercodes piepte, wenn man den Rechner völlig ohne Arbeitsspeicher startete. Aber ansonsten …
Nichts. Keine Änderung.
Wir überlegten, rekapitulierten. Wir hatten alle denkbaren Komponenten getauscht. Wir machten sogar einen neuerlichen Grafikkartentest. Aber es schien alles okay. Netzteil okay. Arbeitsspeicher okay. Grafikkarte okay. Die Festplatten und die Scheibenlaufwerke waren auszuschließen. Zusätzliche Steckkarten – zusätzliche USB-Schnittstellen und eine zweite Netzwerkkarte – konnten es auch nicht sein.
Blieb also der Prozessor. Warum auch immer. Einen solchen hatte der Techniker natürlich nicht dabei. Niemand hat einfach so einen 2,66-GHz-QuadCore bei sich. Verständlich. Schade. Aber verständlich.
Er baute den PC so weit wieder zusammen, füllte ein Protokoll aus und versprach, sogleich noch einen Prozessor zu bestellen. Morgen – also heute, Donnerstag – würde es wohl nichts mehr werden, eher Freitag. Ich dachte noch, dass auch Montag kein Problem wäre, am Wochenende wäre ich ja eh wieder unterwegs.
Also kein PC …

Aus irgendeinem Grund störte mich die Tatsache, dass wir keinen anderen Arbeitsspeicher getestet hatten. Nicht, dass ich annahm, dass irgendetwas zur gleichen Zeit vier 2-GB-Steine gesemmelt hätte, aber ich habe in vielen Jahren praktischer, auch Schrauber-Erfahrung mit PCs die abstrusesten Dinge erlebt. (Ja, es wird irgendwann mal ein Buch darüber geben.)
Also rüber ins Büro. Aus dem Vorgänger meines Schätzens die vier 1-GB-Steine ausgebaut. In der Wohnung erstmal einen davon eingebaut. Steckdosenleiste eingeschaltet – das Gerät initialisierte ganz normal. Gerät eingeschaltet – und weggegangen, um ein Weißbier einzuschenken.
Als ich zurückkehrte, hatte ich ein Bild: Der POST (der sogenannte »Power on self test«) war mit der Fehlermeldung stehen geblieben, dass das Diskettenlaufwerk nicht gefunden worden wäre.
Ich war platt. Erschrocken. Erfreut. Dass die Kiste kein Diskettenlaufwerk fand, war ganz normal: Sie hatte kein Diskettenlaufwerk.
Und dass es so ausgesehen hatte, als hätte sich nach dem Mainboardtausch nichts geändert, war eine reine Zeitfrage gewesen. Das neue Mainboard kam mit einfachsten Einstellungen, nicht auf Leistung, sondern auf Sicherheit eingestellt, und so prüfte es das Vorhandensein eines RAID, eines Diskettenlaufwerks und in ebensolcher Ausführlichkeit den Arbeitsspeicher – immerhin 8 GB –, was einfach mehr Zeit als sonst üblich benötigte. Und das war das ganze Geheimnis.
Ich war so erfreut, dass ich gestern nichts mehr unternehmen wollte. Ich wollte mir den restlichen Tag nicht dadurch versauen, dass sich herausstellen würde, dass ich mein Vista komplett neu aufsetzen müsse. Also … morgen. Morgen ist auch noch ein Tag.

»Morgen« ist nun heute, und ich schreibe dies hier auf meinem guten, alten Boliden – naja, er ist gerade mal ein halbes Jahr alt. Aber er tut es wieder.
Die Wiederbelebung war einfach. Die BIOS-Einstellungen wollten ein wenig angepasst werden. Vista wollte aufgrund eines Fehlers nicht starten, teilte mit, wie man eine Reparaturinstallation machen könnte, und bot ansonsten die abgesicherten Modi und einen Normalstart an. Ich entschloss mich zu einer Reparaturinstallation, die nach etwas Gehakel auch startete, jedoch mit einem kleinen Fehler endete, der besagte, dass ein »bad patch« die Wiederherstellung verhindere.
Nun gut, dachte ich. Der nächste Bootvorgang lief ohne Probleme durch. Die Bildschirmauflösung stand auf 640 x 480. Mir war klar, dass jetzt massive Treiberinstallationen auf mich zukommen würden, aber … Was war denn das? Vista installierte zwar erkennbar Treiber, aber ich bekam nicht eine einzige Frage gestellt. Nichts. Vista machte alles alleine. Ohne Sicherheitsabfragen der Benutzerkontrolle. Ohne dumme Bemerkungen, ohne Fehlermeldungen, ohne alles.
Nach zehn Minuten und einem weiteren Bootvorgang musste ich nur noch das zweite Display wieder aktivieren, danach war die Sache ausgestanden.
Es gibt also wirklich noch schöne Dinge auf dieser Welt. Eines davon ist Vista, auf das ich nun endgültig nichts mehr kommen lasse. Die Leute, die sich heute – kurz vor Windows 7 – immer noch nicht von XP wegtrauen, sind einfach nur Weicheier, die anderen Weicheiern Sachen glauben, die ganz offensichtlich nicht stimmen.