Herr Hütter und der Gesichtsstein

Herbst. Oder schon Winter. Spät jedenfalls. Dunkel jedenfalls. Herr Hütter und seine Hündin brachen zu einer abendlichen Standardrunde auf. Raus aus dem Gebäude. Rüber über die Staatsstraße –

Verkehr. Lauter Leute, die kein Zuhause hatten. Reste von Touristen darunter. Das waren die, die zwar keine Geschwindigkeitsbegrenzungsschilder lesen konnte, aber mental und physisch zu belähmt waren, anders zu tun als zu schleichen. Und Raser. Die üblichen.
Verkehr. Jede Menge.

Herr Hütter und seine Hündin standen minutenlang am Straßenrand und warteten auf eine Lücke. Deutschen Autofahrern wurde beigebracht, Abstand zu halten. Das hieß, dass der Abstand groß genug sein musste, dazwischen eine Elbphilharmonie zu errichten. Und zwar bis das nächste Auto kam.
Als Herr Hütter die Situation als sicher betrachtete, begann er, mit seiner Hündin, die Straße zu überqueren.
Im gleichen Augenblick schoss aus westlicher Richtung ein Hausfrauenpanzer auf sie zu. Sie waren auf der Mitte der Straße. Der Fahrer des Hausfrauenpanzers blendete auf – und gab hörbar Gas. Herr Hütter überlegte nicht lange.

Er warf den Stein.

Der Stein durchschlug die Windschutzscheibe des Fahrzeugs und traf den Fahrer frontal im Gesicht. Der Wagen verließ seine Fahrspur, rauschte eine Böschung hinauf, wurde langsamer, kippte, fiel auf das Dach und zurück auf die Staatsstraße.
Herr Hütter lief zu dem verunglückten Auto. Er ließ seine Hündin sitzen und bedeutete ihr, sich nicht zu rühren. Dann ging er zu dem Fahrzeug, öffnete mit einigem Kraftaufwand die Fahrertür und besah sich den verunglückten Fahrer. Der blutete aus einem zermatschten Gesicht. Der Stein lag auf dem Wagenboden.
»Na?«, fragte Herr Hütter.
»Röchel«, machte der Fahrer.
»Alles klar?«, fragte Herr Hütter weiter.
»Hrgstlbrmpft«, machte der Fahrer.
»Du weißt, was du falsch gemacht hast?«, fragte Herr Hütter.
»Hgn«, antwortete der Fahrer. Er blutete wie ein Schwein. Im Gesicht, aber auch aus Wunden auf der Brust.
»Beim nächsten Mal töte ich dich, du Sau«, sagte Herr Hütter.
»Wrgstn«, fragte der verletzte Fahrer.
»Weil du eine beschissene Drecksau bist, die meinen Hund töten wollte«, antwortete Herr Hütter.
»Hawessn«, sagte der Fahrer.
Herr Hütter knallte die Tür zu und ignorierte, dass er des verletzten Fahrers unverletzte Hand dabei einklemmte.

Als Herr Hütter mit seiner Hündin heimkehrte, fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, dem Fahrer die Schneidezähne zu nehmen. ›Mist«, dachte er. Aber das war wohl nicht mehr zu ändern. So weit Herr Hütter das beurteilen konnte, fuhr der Kerl die Strecke nie wieder.