Böller in den Ofen

In diesen Tagen schießt man ja nicht in den Ofen, man böllert. Wie die vielen Deppen, die einen Haufen Kohle aus dem Fenster werfen, um Lärm zu machen, Tiere zu erschrecken, sich selbst und die eigenen Kinder zu verletzen, Feinstaub und Gifte in die Atmosphäre zu blasen.
Aber das ist hier nicht das Thema.

Unsere Hunde – Kim und Naomi – sind geräuschempfindlich. Ein Actionfilm mit viel Geballer im Fernsehen juckt sie nicht; ein einziger kleiner Kracher (oder auch der Schuss eines Jägers in der Ferne) versetzt sie in Panik. Silvester ist also keine schöne Zeit für sie (wie für viele andere Haustiere, aber auch Wildtiere auch).
Nachdem wir 2018 feststellen mussten, dass der Kriegszustand in Winnert ausgeprägter als weiland in Murnau-Westried ist, entschlossen wir uns, für 2019 nach einer Lösung zu suchen: Wir wollten irgendwo hin, wo es definitiv ruhiger sein würde. Amrum, die Insel, auf der nicht geballert werden darf, fiel aus, weil Saskia, meine Frau, arbeiten muss; Sylt natürlich auch, zumal man dort ein Höhenfeuerwerk veranstaltet (so viel zur »ballerfreien Insel Sylt«).

Wir fanden ein Domizil in einem kleinen Haufendorf in der Nähe von Wesselburen, Landkreis Dithmarschen. Eine Woche wollten wir dort sein, und Saskia würde davon profitieren, dass der Ort näher an ihrem Arbeitsplatz in Büsum liegt.
Gestern fuhren wir also hin: mit zwei Autos, vollgepackt mit allem möglichen Zeug, und natürlich mit den Hunden. Das Haus lag idyllisch, die Eigentümer und Vermieter waren nicht da, die Nachbarn gegenüber offensichtlich auch nicht. Die nächsten Gebäude waren hinreichend weit entfernt.
Und dennoch …

Wir hatten ein Domizil mit zwei Hunden haben wollen. Was wir bekamen, hatte eine schmale, steile Treppe nach oben – dort lagen Wohn- und Schlafzimmer, unten gab es nur Toilette, Dusche und die Küche. Alles sehr klein, und ohne Hunde wäre das eine knuffige Geschichte gewesen. Aber so …
Unsere Hund sind es gewohnt, in unserer Gesellschaft zu sein, nicht nur, aber vor allem auch nachts. Das hoch liegende Bett war da sowieso schon nichts – aber das wäre nicht tragisch gewesen. Aber da die Hunde die Treppe vielleicht (!) hoch-, garantiert aber nicht mehr runtergekommen wären, hätten wir die Woche dort in der kleinen Küche verbracht.
Und das ging einfach nicht.

Nachdem wir alles ausgepackt, einen – katastrophalen – Gassigang (keine fünfzehn Minuten, weil auf einem Feld zwei Dithmarscher Vollhonks schon mal ein Feuerwerk übten, illegal natürlich) gemacht (Kim war beim ersten Kracher panisch) und eine Pizza gegessen hatten, packten wir wieder zusammen und fuhren zurück nach Winnert.

Daheim sah ich dann nach dem Auspacken und Einräumen »Lethal Weapon 4«, und wer den Film kennt, weiß, wie der anfängt. Kim und Naomi waren von der Ballerei in dem Film völlig unbeeindruckt.
Wir überlegen, die Silvesternacht in dem Haus zu verbringen. Immerhin haben wir das Ding bis 04. Januar gebucht und bezahlt. Vielleicht ist es dort ja doch stiller als in Winnert.
Vielleicht fahre ich mit den Hunden aber auch zwei, drei Stunden durch die Gegend. Irgendwo habe gelesen, dass das auch hilft.

Warum man im Kino leben muss

Mittagszeit, Gassizeit. Parallel zur St2062 zwischen Bad Kohlgrub und Murnau verläuft ein kombinierter Rad- und Fußgängerweg. Er ist gute zwei, zweieinhalb Meter breit. Die Hunde gehen meist direkt am Rand, weil da Gras ist, weil es was zu schnüffeln gibt. Wir brauchen nicht mehr als die Hälfte des Weges und freuen uns über jeden Radler, der sich von hinten nähert und sich bemerkbar macht. Das hilft, Herzinfarkte zu vermeiden.
Und dann ist da dieses Radlerduo. Mountainbike, verkehrsuntauglich (keine Klingel, kein Licht). Zwei Typen, trotz Vermummungsverbot völlig unkenntlich maskiert. Sie müssen unbedingt nebeneinander fahren. Sie machen sich nicht bemerkbar und fahren auch nicht hintereinander. Der Linke rempelt mich an, sodass ich stürze. Uninteressant – die Radler halten nicht einmal an.
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Ungerade Erinnerungen

Heute ist es 23 Jahre her, dass mein Vater gestorben ist. Der Mann, den ich Papa nannte. Der Mann, von dem ich lange dachte, ich hätte nie eine wirkliche Beziehung zu ihm gehabt. Er war der Ernährer der Familie, er ging arbeiten. Er war streng – nach kindlichen Maßstäben. Er war ein Mensch, den ich zeit seines Lebens nie wirklich verstanden habe. Er war irgendwie völlig anders als ich.

Als er dann starb, war er eben nicht mehr da. Und es dauerte eine ganze Weile, bis ich anfing, ihn zu vermissen. Es waren nur Kleinigkeiten, die nicht mehr da waren. Seine Stimme am Telefon, weil er immer zuerst den Hörer abnahm. Die Begegnungen, wenn meine Eltern nach Südtirol in den Urlaub fuhren. Sein älter werdendes Gesicht. Und die Überlegung, ob er wirklich mein Vater sei, weil ich bei mir keine Ähnlichkeiten erkennen konnte. (Die gibt es heute auch nur marginal, aber immerhin ist sicher, dass mein Bruder und ich den gleichen Vater hatten, denn wir sehen uns – beide frisch rasiert – so ähnlich …)

Mein Vater. Papa. Prägend in meinem Leben war meine Mutter. Und ist es noch, denn sie lebt noch. Und trotzdem.
Manchmal überlege ich, ob ich nicht gerade deshalb so anders geworden bin, als mein Vater war, weil er so anders war, als das, was ich sein wollte. Vielleicht eine typische Bubenkarriere. (Ich müsste mal meinen Bruder dazu befragen.)

Im alltäglichen Leben gab es viele Dinge, die den heranwachsenden Michael Haitel an seinem Vater störten. Und umgekehrt war das sicher nicht anders. Wie das halt so ist. Heute, nach dreiundzwanzig Jahren, bin ich auf die Todesanzeige und die beiden Passfotos beim Stöbern in alten Unterlagen gestoßen. Heute, nach dreiundzwanzig Jahren, frage ich mich nicht oft, aber doch manchmal, wie es wäre, würde er noch leben. Aber das ist eine Frage, die nicht beantwortet werden wird.

Der guten Ordnung halber: Das obere Passfoto dürfte aus den 80ern stammen, das untere aus den 60ern. Genau weiß ich es nicht mehr.

Und: Aus der Erinnerung heraus glaube ich, dass ich ihn geliebt haben muss. Es gibt nichts in mir, keine Regung, die dem widerspricht. Im Gegenteil. Während ich das hier schreibe, bin ich vor allem traurig.

Erinnerungen: Mein erster Hund

Eigentlich war mein erster Hund gar nicht mein Hund. Anke, meine spätere dritte Frau, brachte das Hundemädchen Kim – heute Kim I. genannt, weil sie bekanntermaßen eine Nachfolgerin hat – mit in die Beziehung. Auf Umwegen. Anke war alleinerziehend mit einem nicht unanstrengenden Kind und gab den Hund ihrem Ex-Mann, der sie wieder weitergab. Und irgendwann stellte sich heraus, dass Kim I. kein Zuhause mehr haben würde, weil ihre Pflegemutter umziehen musste und mit X Katzen und Y Hunden keine Wohnung finden würde. Wir wohnten damals in Pfaffenhofen an der Ilm und klärten die Sachlage mit dem Makler unseres Vermieters (der war ein Arsch, mit dem man nicht reden musste, weil er eh zu allem Nein sagte). Und Kim I. war bei uns.

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Ich hatte die Wahl

Man hat immer die Wahl, heißt es. Selbst in ausweglosesten Situationen wissen Schauspieler in amerikanischen Spielfilmen – und in anderen sicherlich auch –, dass man immer die Wahl habe. Immer.
2017 hatte ich mindestens einmal die Wahl. Nein, eigentlich zweimal. Oder sogar dreimal?
Zum einen hatte ich die Wahl zwischen Wahlraum und Briefwahl.
Zum zweiten bei der Erststimme.
Und zum dritten bei der Zweitstimme.
Eigentlich alles ganz einfach. Kann aber auch zur Qual werden … Continue reading

Wie schön, wenn man mal einen Vogel hat

In den letzten Junitagen ging es los. Das mit dem Vogel. Oder besser: den Vögeln.
Unsere Wohnung verfügt über fünf Balkone: einer geht Richtung Westen, einer in Richtung Osten, drei in Richtung Süden. Auf den Balkonen stehen Pflanzkübel, Blumenkästen, jede Menge Pflanzen. Und meine Frau ist die Gießmeisterin.
Auf einem Südbalkon, direkt hinter der Satellitenschüssel, steht ein Blumenkasten mit einem großen Lavendel.

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Gone Japanese

Deep Purples »Made in Japan« war meine erste selbst gekaufte Schallplatte, wenn ich mich recht entsinne. Angefixt wurde ich – nebst diversen meiner Mitschüler – durch den damaligen Englischlehrer, der nach getaner, erfolgreicher Arbeit im Sprachlabor immer wieder einen Track von der Scheibe abspielte.
Heute gehört die Scheibe zu den wenigen Musikwerken, die ich ab und zu noch goutiere – und wenn, dann vorzugsweise über den Kopfhörer, denn auch wenn ich nur eine durchgeknallte Nachbarin habe … da ist noch meine Gattin, die mit so einer Musik so überhaupt nichts anfangen kann …

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