Es gibt keinen blauweißen Himmel über Bayern

Anna Mocikat
MUC
Knaur, München, 2014, Paperback, 368 Seiten, ISBN 978 3 427 51540 2

VORBEMERKUNG
Ich habe das Buch aus zwei Gründen gelesen.
Zum einen lebe ich seit über 30 Jahren in Bayern, in der Nähe von München, und es wurde mir zugetragen, dass das Buch für jemanden, der sich hier auskennen würde, interessant sein könnte.
Zum anderen bin ich Mitglied im DSFP-Komitee, zwar nicht sehr aktiv im Augenblick, aber es kann ja nicht schaden, den eigenen Kenntnisstand auf das Level der Komiteekollegen zu heben.
Dank jedenfalls an Hans-Jörg E. für die Buchleihgabe.

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Keiner bleibt zurück

Ridley Scott ist ein Filmemacher, den ich sehr schätze. Nicht nur, aber vor allem auch für seinen »Black Hawk Down« (USA 2001, http://www.imdb.com/title/tt0265086).

»Black Hawk Down« ist ein Kriegsfilm nach klassischem amerikanischem Muster. Er steht eindeutig in der Tradition von Filmen wie »Platoon« und »Apocalypse Now«, und selbst mit Filmen wie »Full Metal Jacket«, »Good Morning, Vietnam« und den »Rambo«-Filmen kann er eine gewisse Verwandtschaft nicht leugnen.
Während Filme wie »Battleship« den US-amerikanischen Patriotismus nur in einer gewissen, recht begrenzten Perspektive transportieren, spiegeln Filme wie »Black Hawk Down« einen Widerspruch wider – den zwischen dem Patriotismus des amerikanischen Soldaten, dem Wunsch, seinem Land zu dienen, für die amerikanischen Ideen einzustehen, und dem eigenen Leid, dem eigenen Schicksal auf der anderen Seite.

»Black Hawk Down« lebt als Film vordergründig von einem sehr realistisch angelegten Plot. Natürlich weiß niemand in der westlichen Welt, der sich den Streifen im Kino oder auf dem Fernsehschirm angeschaut hat, wie realistisch das Ganze wirklich ist. Aber der Film lässt wenig Zweifel daran, dass der Spielraum für Fantasien sehr, sehr klein ist.
Gleichzeitig ist die Geschichte, die »Black Hawk Down« erzählt, von einer fast schon komischen Tragik geprägt: Einer der Auslöser des ganzen Problems, aufgrund dessen einer der amerikanischen Hubschrauber in Mogadischu notlanden muss, ist ein Soldat namens Blackburn, der schlicht und ergreifend aus dem Black Hawk fällt – und getreu der US-amerikanischen Devise, dass niemand zurückgelassen wird, eine Folge von nötigen Schritten auslöst, die nicht nur einen, sondern sogar zwei Black Hawks auf den Boden zwingen.

Am Ende des Films hat man weniger amerikanischen Patriotismus in einer Großpackung kennengelernt, auch nicht amerikanische Politik, wo auch immer das Militär seinen Auftritt hat. Man hat vielmehr sehr viele amerikanische Soldaten kennengelernt. Keine wirklichen persönlichen Schicksale – oder doch auch. Aber vor allem amerikanische Soldaten in ihrer Rolle als Soldaten und in ihrer Rolle als die eigentlichen Träger des amerikanischen patriotischen Gedankens, der zu solchen Ideen wie »Keiner bleibt zurück« führt, zu einem Gedanken, der, wenn man es genau nimmt, eigentlich der menschlichen Natur vollkommen zuwiderläuft und wirklich nur befohlen werden kann. Und der dann, wenn er, der befohlene Gedanke, auf die richtige Erde trifft, zu einem fruchtbaren Gedanken wird, der umgesetzt wird, der zu dem wird, was die Amerikaner auch unter Patriotismus verstehen – und das ich nicht nur an Filmen wie »Battleship«, sondern eben auch an »Black Hawk Down« ungemein faszinierend finde.

Die Amerikaner haben es drauf, ihre Sicht der Welt zu verkaufen. Man mag über die globale Politik der Amerikaner anderer Meinung sein. Es ist sicher so, dass man sich als Nation namens USA nicht überall einmischen muss – und unter Obama ist das ja auch nicht mehr der Fall (Stichwort Ukraine). Aber andererseits sollte es einer Nation zustehen, sich in Angelegenheiten einzumischen, wenn es um die Welt geht, in der wir leben, und wenn diese Nation meint, sie könne die Ressourcen und Fähigkeiten aufbringen, eine bestimmte Aufgabe zu stemmen. Und wenn es nur um die Rettung der Welt geht.

Nebenbei: Wie faszinierend ich »Black Hawk Down« als Film finde, kann man auch daran erkennen, dass ich in meinem Verlag p.machinery eine kleine Anthologie verlegt habe, die den Titel »Blackburn« trägt. Wer mehr wissen möchte: http://www.pmachinery.de/unsere-bucher/androsf-die-sf-reihe-des-sfcd/androsf-band-31-40/2087-2. Das Buch ist lieferbar.

Das Dreieck. Eine Erinnerung

Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war. Zwölf vielleicht, dreizehn. Es ist über vierzig Jahre her. So viel ist sicher. Ich war nie oft im Krankenhaus. Ich bin in einem geboren worden. Und mit zwölf oder dreizehn war ich noch mal drin. Danach –
Keine Ahnung.

Damals war ich auf der Realschule. Freiherr-vom-Stein-Realschule in Düsseldorf. Färberstraße soundso war die Adresse, denke ich. Meine Schulzeit war nicht aufregend. Im Gegenteil. Ich war einer von den »Kleinen«, die oft genug einen auf die Mappe bekommen haben. Aber trotzdem gab es Freundschaften. Kameradschaft. Damals war das noch so. Ob das heute noch so ist, weiß ich nicht. Manchmal würde ich es eher bezweifeln.
Egal.

An irgendeinem Tag waren wir mit den Fahrrädern unterwegs. Ich weiß nicht mehr genau, wer alles dabei war. Nur an zwei Namen erinnere ich mich. Peter Schröder und Wolf-Dieter Coelius. Die Düssel in Düsseldorf-Bilk war an einer Seite mit einem Spazierweg eingefasst, daneben ein Gefälle mit Wiese, oben dann die Karolingerstraße in der einen Fahrtrichtung (die andere lag gegenüber, aber da war kein Spazierweg unten). An den Querstraßen führte der Spazierweg nach oben, es gab Büsche, Bäume, ausgetretene Pfade von Kindern, die dort oft spielten. Wir gurkten mit den Rädern an so einem Kopfende herum, immer zwischen den Büschen durch, die kleinen ausgetretenen Pfade entlang.

Und ratsch – Augenblicke später lief mir das Blut in Strömen über das Gesicht. Ich hatte die Berührung kaum mitbekommen, und auch Schmerz spürte ich nicht. Aber ich hatte mir an einem quer hängenden Ast den Kopf verletzt, aufgerissen. Und es blutete wie Sau.

Wolf-Dieter war der Mitschüler, der dabei war, der am nächsten wohnte. Wir fuhren auf dem Rad dort hin, er brachte mich nach oben, zu seiner Mutter, die zuerst dafür sorgte, dass mir das Blut nicht ständig über das Gesicht lief und ich nicht alles vollsaute.
Dann rief sie ein Taxi und ich erinnere mich, dass sie den Taxifahrer, der uns erst nicht befördern wollte, ziemlich rundmachte. Er nahm uns dann doch mit. Sie fuhr mit mir ins Krankenhaus, das Evangelische Krankenhaus in Bilk, wenn ich mich recht entsinne.

Und an viel mehr erinnere ich mich nicht. Außer, dass ich erst, als ich auf der Liege in den OP geschoben wurde, das Bewusstsein verlor – und erst auf dem Krankenzimmer wieder erwachte. Sieben Stiche haben sie gebraucht, und heute noch sieht man das Dreieck auf meinem Schädel, wo sie den aufgerissenen Hautlappen wieder angetackert haben, sprichwörtlich. Und ich erinnere mich an den alten Mann auf meinem Zimmer, der mich nicht mochte.

Was ich nicht vergessen werde, ist, dass es ausgerechnet der immer sehr coole Wolf-Dieter war, der mir in dieser Situation half. Gut, Peter hätte es auch getan, aber er wohnte sehr viel weiter weg. Aber aus der Rücksicht auf diese Zeit, die so lange zurückliegt, wundert es mich immer noch. Wolf-Dieter war cool. So cool, dass so ein kleines Lichtlein wie ich schon froh war, überhaupt wahrgenommen zu werden.

[Und wenn ich so darüber nachdenke: Er kann auch Wolf-Dietrich heißen, geheißen haben. Im Web findet man nur einen Eintrag in Langenfeld. – Und nach Peter Schröder muss man freilich gar nicht erst suchen.]

Sollte das peinlich sein?

Die Nominierungen zum Deutschen Science-Fiction-Preis 2015 wurden veröffentlicht; Details hier.
Im letzten Jahr waren vier von fünf nominierten Kurzgeschichten in Büchern in meinem Verlag p.machinery veröffentlicht worden; dieses Jahr ist das Verhältnis nicht ganz so krass: Es sind nur vier von sechs nominierten Geschichten, die ich 2014 in Büchern verlegen durfte.
Ich freue mich für meine Autoren.
Ich bin natürlich auch stolz.
Aber irgendwie hege ich auch zwiespältige Gefühle, die mich überlegen lassen, ob mir eine solche Quote nicht peinlich sein sollte – nicht zuletzt, weil das zum zweiten Mal nacheinander geschehen ist. Und immerhin bin ich Mitglied im DSFP-Komitee, wenn ich auch für den DSFP 2015 nicht mitgelesen und mitnominiert habe (und meine »Unterstützung« in zweiten Gang für zwei Geschichten hat am letztlichen Ergebnis nicht den Ausschlag gegeben); das könnte natürlich auch komisch aussehen (und diese Gefahr hat seinerzeit Uwe Post veranlasst, das Komitee zu verlassen).

Nun, letzten Endes ist das Komitee eine sehr souveräne Einrichtung, gespickt mit Leuten, bei denen ich mir sicher bin, dass jeglicher Versuch der Einflussnahme sogar eher dazu führen würde, eben nicht mehr so erfolgreich sein zu können. Daran kann es also so oder so nicht liegen.
Vielmehr ist es wohl doch so, dass die Qualität der Geschichten entscheidend ist – und wo man sie überhaupt noch findet. Schaut man sich die Liste der Geschichten an, die zur Findung der endgültigen Nominierungen im »engeren Kreis« gelandet waren, so finden sich neben den nominierten Geschichten – erschienen bei p.machinery, sternwerk@p.machinery und Begedia – nur noch zwei Geschichten aus Exodus 31, eine Story aus der c’t des Heise-Verlages und eine aus einer Anthologie des Arunya-Verlages, sowie weitere Werke aus p.machinery- und Begedia-Werken.
Am Ende gelangt man dann doch nur zu der Erkenntnis, dass der Markt für SF-Kurzgeschichten einfach klein, gar winzig geworden ist, wenn es um hochqualitative Werke dieser Art geht. Ich freue mich darüber, nicht ganz allein auf diesem Markt zu agieren, und ich glaube – ohne meinen eigenen Autoren damit in die Kniekehlen treten zu wollen –, dass es 2015 wohl Begedia sein wird, der gute Harald Giersche, der den Schnitt machen wird. Das wäre völlig in Ordnung: Auch das wäre immerhin eine Form von Abwechslung, die das SF-Kurzgeschichten-Genre gut vertragen kann.

Wiederholungstäter

Captain Yugi Nagata: We’re going to die!
Alex Hopper: We are going to die. You’re going to die, I’m going to die, we’re all going to die … just not today.

Der Film, den ich in meinem Leben am allermeisten gesehen habe, ist noch nicht alt. »Battleship« (Director: Peter Berg, USA 2012, http://www.imdb.com/title/tt1440129) heißt er. Laut IMDb-Angaben war er finanziell ein Flop. Und auch nach dem, was ich sonst so gelesen und gehört habe, soll der Film nicht gut sein. Ganz im Gegenteil: Als Fan dieses Films hört man vor allem die Unterstellung, dass man ihn ja nur wegen Rihanna gut fände und anschauen würde, was völliger Blödsinn ist, es sei denn, man fährt auf farbige Mädchen in US-amerikanischen Navy-Uniformen ab.
Wie auch immer: Ich habe diesen Film inzwischen weit über 120mal gesehen. Und das Videofile liegt auf meiner Festplatte an einem der schnellstmöglich zugänglichen Orte, so dass ich ihn jederzeit wieder sehen kann. Und immer wieder.

Und seltsamerweise wird er nicht langweilig, eher noch im Gegenteil. Inzwischen kann ich ganze Dialoge auswendig mitsprechen. Ich kenne die Szenen und wann sie in der Timeline auftauchen – sekundengenau. Und dennoch – der Film wird nicht langweilig.
Und ich kann nicht sagen, woran es liegt, dass ich diesen Film mag, immer wieder gerne anschaue – und woran die Faszination festzumachen wäre, die der Streifen auf mich ausübt. Die Figuren sind nicht über das in US-amerikanischen Spielfilmen mit hohem Actiongehalt hinausgehend detailliert gestaltet. Die Handlung ist klar, zielgerichtet, es gibt keine wirklich überraschenden Wendungen, ein paar Haken vielleicht, wie sie ein Hase auf dem Feld schlagen mag, aber nichts Weltbewegendes. Im Grunde ist die Handlung sogar … klischeehaft.

Und das ist möglicherweise eine der Erklärungen. Denn zu den Klischees US-amerikanischer Filme mit hohem Actiongehalt, gerade solche, die etwas mit dem Militär, mit Kriegen u. ä. zu tun haben, gehört das Bild des Patriotismus, das diese Filme vermitteln. Die Amerikaner haben zu ihrem Land und zu ihrer Rolle in der Welt eine ganz besondere Beziehung, die wir Europäer meist nicht nachvollziehen können, oder jedenfalls eher belächeln als verstehen. Die Deutschen sind in Bezug auf das Unverständnis des amerikanischen patriotischen Bildes besondere Vorreiter, denn aufgrund ihrer heute noch ungemein wichtigen Historie ist es dem Deutschen nahezu unmöglich gemacht, patriotische Gefühle zu entwickeln, patriotische Gedanken zu hegen, ohne gleichzeitig auch ein schlechtes Gewissen zu haben. Die Israelis – nur als Beispiel, weil man die Israelis als Nation gerne mit den Juden als Volk gleichsetzt, obwohl Juden kein Volk, sondern Angehörige einer Religionsgemeinschaft sind – haben wiederum eine andere Einstellung zum Patriotismus, sind sie doch von ständigen Anfeindungen und Angriffen umgeben, die mehr als genug Leben kosten, und wenn sie sich ihres Patriotismus’ bewusst werden, dann müssen sie sich am Ende dadurch entschuldigen, dass die Deutschen einen Großteil Schuld daran mittragen, dass die Israelis so sind, wie sie sind (obwohl die Existenz Israels den Briten zuzuschreiben wäre).

Wie auch immer: In den allermeisten Fällen wirkt der in US-amerikanischen Filmen vermittelte Patriotismus rein, sauber, ehrlich, direkt, man verbindet ihn beinahe zwangsläufig mit lauter Adjektiven, die man in einem deutschen Film ähnlicher Ausprägung nicht zu finden glauben würde und einem russischen Film von vornherein gar nicht erst zuzusprechen bereit wäre.
Dass aber auch solche US-amerikanischen Filme, bei denen der Patriotismus so eine mehr oder minder große Rolle spielt, während die Handlung scheinbar eher die Action als Mittelpunkt hat, rassistische Elemente haben, steht außer Frage. In »Battleship« sind die Bösen die Aliens, und sie sind böse, ja. Aber die Art, wie die Menschen, die sich – durchaus mit Fug und Recht – verteidigen, mit den Aliens umgehen, das wäre in vielen Gegenden der Welt – und nicht zuletzt eigentlich auch im sogenannten Westen – kritikwürdig, herablassend, rassistisch. Ich spreche der einen Seite, die von der anderen angegriffen wird, nicht das Recht auf Selbstverteidigung ab. Aber es gibt eine dünne und nicht selten schlecht zu erkennende Grenze, jenseits der Selbstverteidigung eine solche nicht mehr ist.

Und dennoch bezieht ein Film wie »Battleship« seine Faszination aus genau diesem latenten, vielleicht nur minimalen Rassismus. Im Grunde ähnelt er den Rachefilmen wie »Ein Mann sieht Rot« und all den anderen Filmen dieser Art, denn Rache ist es im Grunde genommen, die die Menschen in »Battleship« antreibt, um die Aliens zu vernichten. Vorzugeben, dass die Menschheit zu retten sei, ist nett, gut und ein hehres Ziel. Es ist vermutlich auch ein wahres Ziel. Aber die Antriebskraft, die es Menschen wie den Navy-Soldaten in »Battleship« erlaubt, bis zum Sieg zu kämpfen, ist mehr: Es ist vielleicht nicht nur, aber es ist auch Rache.
Und ich selbst spreche mich nicht davon frei, Rachegefühlen in mir selbst Raum geben zu wollen, Raum zu geben. Ganz im Gegenteil. Ich bin zwar kein nachtragender Mensch, wie manch einer, der mich kennt, wird bezeugen können, aber ich besitze immer und grundsätzlich die Bereitschaft, mich auch zu revanchieren, wenn es sich anbietet und vielleicht sogar sinnvoll erscheint.

Was das mit »Battleship« zu tun hat? Vielleicht nicht viel. Vielleicht alles. Keine Ahnung. Vielleicht ist es heute nur noch ein Magnetismus der Gewohnheit, der mich immer wieder diesen Film anschauen lässt. Es ist ein wenig so, als würde man sich eine lang laufende Serie anschauen. Auch wenn sie in diesem Falle nur aus einer Folge besteht.

Blaue Hunde, Facebook, Shitstorms

Von BlueBello (www.bluebello.de) hörte ich zuerst in einem Fernsehbeitrag. Und später dann bei Facebook – nicht in Bezug auf diese Anbieterin, sondern grundsätzlich in Bezug auf das Modell, Hunde zu vermieten, ein Modell, das – wie so oft – aus Amerika kommen sollte.

Die Idee ist einfach: Man ist Senior – die Hauptzielgruppe – und möchte noch einmal mit einem Hund leben. Aber man ist sich nicht sicher, ob das sinnvoll ist. Wie lange ist man noch gesund? Wie lange kann man sich wirklich um einen Hund kümmern? Was ist, wenn man plötzlich zum Pflegefall wird? Was geschieht dann mit dem Hund?

BlueBello – und möglicherweise inzwischen weitere Anbieter in Deutschland – bietet hier eine Möglichkeit. Man mietet einen Hund. Für einen Betrag X pro Monat, in dem Futter- und Tierarztkosten enthalten sind, lebt man mit einem Hund zusammen, um den man sich kümmert. Geht das nicht mehr, kümmert sich die Vermieterin – BlueBello wird von einer Frau betrieben – um den Hund.

Bei Facebook hat die Idee – nicht zuletzt aufgrund einer beschissenen Berichterstattung deutscher Jourkanaillen – einige kleinere Shitstorms ausgelöst. Natürlich. Der deutsche Gutmensch denkt zuerst an die Kreatur. Wie kann man nur einen Hund vermieten wollen? Was ist denn mit dem Hund? Denkt niemand an seine Gefühle? Er geht eine Bindung ein, die dann wieder aufgelöst werden muss – wie soll ein Hund das aushalten, verkraften? Das ginge so gar nicht, das müsse verboten werden, das gehöre ordentlich an den deutschen Gutmenschenpranger gestellt. Und das müsse als einer der Beweise gelten, dass deutsche Gutmenschen eines nicht können: nachdenken, bevor sie ihre guten Gene an die Tastatur oder das große Maul lassen.

In Wirklichkeit ist die Idee nahezu genial.
Die Hunde sind trainiert. Sie stammen aus den unterschiedlichsten Quellen. Sie sind gesund, geimpft, gechipt, sie bringen alles mit, was ein Hund in Deutschland haben muss, um seinen Halter glücklich zu machen.
Auf der anderen Seite gibt es vor allem – vermutlich aber nicht nur – Senioren, die alleine leben, die noch fit und agil sind, die sich Gesellschaft wünschen. Oft haben sie ihr Leben lang mit Tieren – und vor allem Hunden – verbracht, und nun, auf ihre alten Tage, stehen sie vor der Frage, ob sie sich noch einmal einen Wauzi zulegen sollen oder nicht. Und sie stehen vor der Frage, wie sie die unsicheren Aspekte einer solchen Anschaffung bewältigen sollen.

Was die Kritiker bei der Idee einer Hundevermietung übersehen, sind die Vorteile für beide Seiten.
Natürlich geht so ein Hund eine Beziehung mit dem Menschen ein, bei dem er lebt. Das tut aber auch ein Hund, den sich so ein Senior auf traditionellem Wege anschafft. Wenn der Mensch nicht mehr kann, ist der Hund so oder so in einer ungünstigen Lage – mit dem Unterschied, dass ein Miethund durch den Vertrag ohne Unsicherheiten, ohne Unwägbarkeiten quasi aufgefangen wird. Und das noch dazu durch eine Bezugsperson – die Vermieterin im Falle von BlueBello –, die er, der Hund, schon kennt.
Und der vermietete Hund hat einen großen Vorteil gegenüber »keinem Hund«. Der nicht vermietete Hund sitzt vielleicht in einem Tierheim, allein, in seiner Box, nach Gesellschaft schmachtend. Was die Kritiker der Vermietungsidee in keinem Falle beantworten konnten, war die Frage, ob ein solches Leben für einen Hund erstrebenswerter ist, als für eine Zeit X an jemanden vermietet zu werden, der sich – in den allermeisten Fällen durchaus liebevoll – um den Hund kümmert. Anders gefragt: Ist es erstrebenswerter, dauerhaft in einem Tierheim zu leben, als befristet bei einem Menschen zu sein?
Und am Ende gibt es natürlich auch noch den Menschen, den Senior. Alte Menschen sind nicht zwangsläufig Pflegefälle. Viele sind fit, agil, sie genießen ihr Leben und würden es noch mehr genießen, wenn da jemand wäre, um den sie sich kümmern könnten. Das muss kein Hund sein – aber in der heutigen Gesellschaft sind die Senioren, die im Grunde keine Familie mehr haben – aus welchem Grund auch immer – sehr viel zahlreicher, als man vielleicht denken mag.

Und ich würde mir für mich wünschen, wenn ich in das Alter gekommen bin, mir darüber Gedanken machen zu müssen, dass mir so ein Angebot zur Verfügung stünde. Ich weiß schon heute, da ich demnächst 56 Jahre alt werde, dass ich nicht mehr ohne Hund leben möchte. Und ich weiß auch, wie schnell es geht, dass sich die eigenen Lebensumstände verändern. Und es würde mir gefallen, einen Hund zu mieten, weil ich dann wüsste, dass er gut aufgehoben wäre, wenn ich mich nicht mehr um ihn kümmern könnte. Dass er nicht ewig lange neben meiner Leiche in meiner Wohnung liegt, bis er vielleicht gefunden wird, vielleicht aber auch verdurstet oder verhungert. Dass er nicht in einem Tierheim landet, wo ihn keiner kennt und wo er eigentlich auch nicht hin möchte.

Ich hatte die Betreiberin von BlueBello angemailt, um mich mit ihr auszutauschen, weil ich überlegte, selbst so was aufzuziehen. Sie hat mir nicht geantwortet. Vielleicht, weil gerade die Shitstorms auf Facebook auf sie hernieder prasselten und sie vermutete, dass ich auch nichts Gutes im Schilde führte. Letztlich ist zu hoffen, dass diese gute Idee die Schmierereien deutscher Jourkanaillen überlebt. Dass Facebook-Shitstorms nicht länger stinken, als die Gehirnzellen der auslösenden Schmierfinken funktionieren, ist sittsam bekannt.

Das Vermieten von Hunden jedenfalls halte ich für eine gute Idee. Sie ist gut für die Hunde, sie ist gut für den Vermieter (oder die Vermieterin) und sie ist gut für den Menschen. Sie ist freilich schlecht für Vollpfosten, die bei Facebook bei jeder Gelegenheit den Gutmenschen raushängen lassen, obwohl er meist so hässlich ist, dass man ihn besser amputieren sollte. Den Gutmenschen. Den widerlichen.

IrrSinniger Aufwand

Ein irrsinniger Aufwand war dieses Buch für mich eigentlich nicht – es war eine schöne, weil nicht ganz gewöhnliche Layoutaufgabe, die davon lebte, dass es galt, 99 i:Codes mit Informationstexten zu den über die QR|codes zugänglichen Youtube-Filme auf der einen Seite 99 Fragen und Antworten auf der anderen Seite gegenüber zu stellen, eine Layoutaufgabe, die ich dank der vielen Dinge, die ich von Christian »Krischan« Seipp lernen durfte, relativ leicht bewältigen konnte.

Irrsinniger war wohl der Aufwand, den der Autor Michael Weisser getrieben hat, der nach eigenem Bekunden mehr als 3000 (dreitausend!) YouTube-Videos gesichtet hat, um die Auswahl für dieses Buch zu treffen.

Ausführliche Informationen zum Buch gibt es hier.

Michael Weisser
IRRSINN!
Die Einladung zu einer durchaus riskanten Reise in den unergründlichen Kosmos zwischen Himmel und Hölle von Youtube
Die|QR|Edition – Edit 3
p.machinery, Murnau, März 2015, > 100 QR-Codes s/w, 276 Seiten, 210 x 210 mm
Softcover: ISBN 978 3 95765 025 2 – EUR 18,90 (DE)
Hardcover (limitierte Auflage): ISBN 978 3 95765 026 9 – EUR 35,90 (DE)

Karoline. Eine Erinnerung

Da weiß ich wirklich nicht mehr, wann das war. Realschule. Irgendwann Anfang der 70er. Oder so. Meine erste Liebe. Naja.

Karoline war eine Gastschülerin, das weiß ich noch. Sie kam in unsere Klasse – die 10b auf der Freiherr-vom-Stein-Realschule in Düsseldorf –, weil die Eltern aus irgendeinem Grund nur für kurze Zeit in Düsseldorf waren. Irgend so was. Kein Zirkus. Was Berufliches. Ich weiß es nicht mehr.
Ich weiß auch nicht mehr, wie sie aussah. Es gibt einen Schemen in meinen Erinnerungen, der keinerlei Gestalt hat. Ich weiß nicht, wann sie kam, ich weiß auch nicht mehr, wann sie wieder verschwand.
Ich weiß, dass wir nie miteinander sprachen.
Ich weiß, dass ich sie von Ferne anhimmelte, dass ich verliebt war, so verliebt, dass ich nachts von ihr träumte. Damals hatte ich irgendwann vor Kurzem die »West Side Story« gesehen, und mir ging das Lied »Maria« ständig durch den Kopf, nur dass Maria Karoline hieß.

Das ist lange her. Damals war ich ein Bub. Nicht mal ein Lausbub. Ich war langweilig und vermutlich für die meisten Menschen um mich herum fast unsichtbar. Erinnerungen sind seltsam. Ich weiß nicht, warum mir Karoline manchmal wieder in den Sinn kommt. Denn eigentlich war da ja nichts. Überhaupt nichts.
Nur eine Erinnerung.

Das Leben hat mehr zu bieten …

… als verschissene Dummparker zu fotografieren, die es ja eh nicht kapieren. Und deshalb mache ich nebst solchen Fotos immer noch Bücher. Mit Vorliebe. Und manchmal richtig großem Spaß.

Großen Spaß hat Anke Höhl-Kaysers neues Buch »Magische Novembertage« gemacht, weil es eine neue Geschichte, ein »Jetztzeitmärchen«, wie ich es nennen möchte, ist, die noch dazu auf einer Insel spielt. Auf Sylt, eine Insel, die ich zwar selbst noch nicht kenne – aber ich liebe eigentlich alle Inseln, und so hässlich kann Sylt ja nun nicht sein, dass es mir dort nicht gefallen würde. Ich vermute dringend das Gegenteil.

Dieses »Jetztzeitmärchen« jedenfalls, an dessen letztlichem Titel ich nach einigem Gefrickel nicht ganz unschuldig bin, spielt hier und heute auf Sylt und zeigt seine Wurzeln in die Vergangenheit der Insel, der Menschen und anderer Wesen, von deren Existenz man vielleicht nur auf dieser Nordseeinsel weiß. Wer weiß :))

Details zum Buch finden sich hier. Und das wundervolle Titelbild stammt einmal mehr von Noëlle-Magali Wörheide: